FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Ich erhebe Einspruch!

by debate dehate

Der lebensweltorientierte Ansatz, Jugendliche an den Orten aufzusuchen und abzuholen und dort mit ihnen zu arbeiten, wo sie sich freiwillig und gern aufhalten, ist für eine prä- ventive Arbeit unverzichtbar. Das Konzept der Digital Streetwork sieht vor, rechtsaffines Auftreten von Jugendlichen auf Facebook, das sich durch Kommentare und/oder das Teilen eines Posts mit menschenfeindlichem Inhalt zeigt, aufzusuchen. Über personal messages (PM) werden diese Jugendlichen direkt und in der digitalen Umgebung in einer »One-to-One«-Interaktion angesprochen. Darüber hinaus sind die Mitarbeiter*innen auf unterschiedlichen öffentlichen Seiten aktiv und begegnen abwertenden Kommentaren mit (Gegen-) Argumentationen »One-to-Many«. Jugendlichen, die sich bereits zu menschenfeindlichen Kommentaren äußern und diese nicht unwidersprochen stehen lassen, werden empowert.

Counter Speech ist ein Ansatz der Gegenrede zu antidemokratischen und menschenverachtenden Inhalten im Netz – sie wird angewandt, um vor allem stille Mitleser*innen zu aktivieren und hasserfüllt Inhalte nicht als solche im öffentlichen Raum stehenzulassen.Als Mittel der pädagogischen Interaktion, um Hate Speech zu begegnen, bieten sich zwei Formen der Counter Speech an, die Intervention und das »Debunking« (dt. Entlarven).

Intervention Beispiel: EXIT – pädagogische Intervention, langfristige Arbeit One-to-One

Debunking Beispiele: ProAsyl, hoaxmap, Mediendienst Integration, Psiram

Für die Intervention wird eine »One-to-One«-Interaktion angewandt, deren pädagogischer Gehalt im persönlichen Gesprächsansatz liegt: eine konfrontative Verunsicherung auf der Basis von Aufgeschlossenheit. Beim Debunking wird die »One-to-Many«-Interaktion genutzt, die pädagogisch gesehen mithilfe von Aufklärung und Themensensibilisierung wirken kann. Die Entwicklung der »One-to-Many«-Interaktion lehnt sich an die Gegebenheiten der »Halböffentlichkeit« der Sozialen Online-Netzwerke an. Denn sobald Jugendliche sich auf einen öffentlichen Austausch einlassen oder auf einen Kommentar öffentlich reagieren, werden Freund*innen der Jugendlichen darüber informiert. Je länger Communitys wie z.B. Facebook, Instagram oder YouTube bei den Jugendlichen populär sind, desto größer wird auch der Kreis der so genannten Freund*innen, mit denen sie online Informationen teilen. Nur etwa jede*r zehnte Jugendliche nimmt Einschränkungen innerhalb des Freund*innenkreises vor10. Wird die Einstellung »Freunde von Freunden« für die Sichtbarkeit von Statusmeldungen, Fotos, Markierungen etc. gewählt, erhöht sich der Adressat*innenkreis schnell auf eine fünfstellige Zahl. In ihren Sozialen Online-Netzwerken bewegen sich Jugendliche also in einer Halböffentlichkeit, in der schnell der Eindruck entsteht, durch die Auswahl der Freund*innen bestimmen zu können, wen sie an ihrem Leben teilhaben lassen; real aber können sie häufig – im Sinne der informationellen Selbstbestimmung – gar nicht mehr wissen, wer was über sie weiß oder gesehen hat. Dies, kombiniert mit einem Algorithmus der Plattformen, der Inhalte nach bestimmten, nicht transparent kommunizierten Kriterien filtert und verstärkt, bildet die sogenannten »Echokammern«. Diese Räume, in denen gegenteilige bzw. differenzierte Sichtweisen kaum noch auftauchen, können einen Effekt auf die Selbstwahrnehmung und Meinungsbildung haben. Ebenso bleibt auch der Teil der Informationsaufbereitung durch die Plattformen-Algorithmen bestimmt, so dass z.B. bewusst desinformative Nachrichten aus rechts-alternativen Blogs neben klassischen Informationsaufbereitungen wie einem Onlineartikel aus der Tagespresse in vermeintlich gleicher Aufbereitung in den Pressevorschau-Schnipseln erscheinen.

Während sich 2010 durchschnittlich etwa 160 Freund*innen im Community-Profil von Jugendlichen fanden, hat sich die Zahl innerhalb von drei Jahren fast verdoppelt, und zwar auf 290 Freund*innen – die 16- bis 17-Jährigen versammeln sogar durchschnittlich 380 Freund*innen in ihrer Facebook-Freundesliste. Dabei sind über die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren online mit Leuten vernetzt, die sie noch nie persönlich getroffen haben. Die Mehrheit der Jugendlichen teilt ihre Profilinformationen auch genau mit dieser Gruppe der Freunde. Im Oktober 2013 änderte Facebook seine Standardeinstellung der Sichtbarkeit von Inhalten für neu angemeldete Nutzer*innen zwischen 13 und 17 Jahren zwar auf »nur Freunde«, bereits bestehende Profile bleiben davon aber unberührt. Gleichzeitig ermöglicht es das Netzwerk Jugendlichen, auch öffentlich zu posten, was bisher bis zum 18. Geburtstag nicht möglich war.

Laut aktuellen Studien verwenden Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen das persönliche Facebook-Profil, um damit auf Facebook aktiv zu sein. Allerdings ist diese Form des halb privaten, halb professionellen Auftritts von zwei Seiten zu betrachten. Einerseits gibt es Sozialarbeiter*innen, die mit dem privaten Profil arbeiten, weil dies sich so ergeben hat. Andererseits ist es für eine professionelle Kinder- und Jugendarbeit notwendig, die Grenze zwischen privatem und professionellem Handeln deutlich zu machen. Dafür gilt es ein »Arbeitsprofil« zu entwickeln, in dem gekennzeichnet ist, um welche Einrichtung es sich handelt und wer dort angestellt ist (siehe hierfür das Kapitel: Projekt-Profile, S. 37). Daran festgemacht wird die Beziehungsebene zwischen Sozialarbeiter*innen und Adressat*innen. Ein gewandelter »Freundschaftsbegriff«, wie er in den Sozialen Online-Netzwerken verwendet wird, umfasst alle sozialen Beziehungen und führt so zu einer Verwischung der Grenzen der Beziehungsebenen. Dies ist insbesondere mit Blick auf die Beziehungen mit asymmetrischen Verhältnissen – wie sie zwischen Sozialarbeiter*in und Adressat*in bestehen – zu beachten. Denn das vermeintliche Gleichgewicht, welches sich aus einer solchen Beziehung ergibt, kann problematisch werden und erfordert eine Reflexion des eigenen professionellen Umgangs. Neben der Reflexion der eigenen Professionalität gilt es auch die Grenzen der Kinder und Jugendlichen zu wahren. So muss bei der Methode »One-to-Many« ein »Nicht-Reagieren« der Adressat*innen unbedingt als Rückzug verstanden und respektiert werden. Mehrfaches »Nachbohren« oder öffentliches Bloßstellen sollte selbstverständlich unterlassen werden. Bei der Methode »One-to-One« gehen die Sozialarbeiter*innen mit den Adressat*innen über personal message (PM) in den Austausch unter vier Augen. Hier ist die Gefahr gegeben, dass sich aus den einzelnen Gesprächen eine Handlungsnotwendigkeit ableitet und ein intensives Beratungsgespräch vorgenommen werden müsste. In diesem Fall müssen die Grenzen beider Parteien gewahrt werden. Die Sozialarbeiter*innen müssen in einer solchen Situation die Adressat*innen an entsprechendes Fachpersonal weiter vermitteln. Um sich als Sozialarbeiter*innen, oder Pädagog*innen für die Arbeit in Sozialen Online-Netzwerken gut zu wappnen, sollte eine Möglichkeit zur Supervision unbedingt mit
geplant werden. Denn die Arbeit auf den einzelnen Facebook-Seiten oder in den Kommentarspalten bietet ein extrem hohes Angebot an Hass und menschenverachtenden Inhalten.

Projekt Profile

Mit Hilfe eines Projekt-Profils wird Kontakt zu Jugendlichen11 hergestellt. Den Erfahrungen der Mitarbeiter*innen nach haben sich Profile bewährt, die die ansprechenden Personen repräsentieren. Der Aufbau eines authentischen Profils basiert auf detaillierten Kenntnissen über jugendliches Kommunikationsverhalten im Internet und erfordert die Adaption sowohl von verschiedenen Jugendkulturen als auch (und vor allem) der aktuellen Netz-Kultur. Das Profil ist als pädagogische Mitarbeiterin der Institution gekennzeichnet und enthält persönliche, jedoch keine privaten, Informationen. Dies dient vor allem dem Selbstschutz der Mitarbeiter*innen

Wie in der Abbildung zu sehen, wird transparent und mit authentischen Angaben gearbeitet. So wie auf dem Screenshot zu sehen, erscheint das Profil für die Öffentlichkeit. Es ist klar gekennzeichnet, dass Antonia Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung ist, Erziehungswissenschaften studiert hat und in Berlin wohnt. Dies sind reale Angaben der Mitarbeiterin. Unter der Rubrik »Info« werden noch weitere Angaben sichtbar, wie z.B. das Geburtsjahr (in diesem Fall 1984) und die nähere Beschreibung der Position (pädagogische Referentin). Es ist also klar, dass hier keine Jugendliche, sondern eine 32-jährige Pädagogin agiert. Das eigene Nutzer*innen-Profil im Sozialen Online-Netzwerk ist das für Adressat*innen nach außen sichtbare und spielt neben dem Wortlaut eine große Rolle dabei, ob nach einer Erstansprache eine Antwort erfolgt oder nicht. Wenn die Kommunikation nicht mit einem vollständig anonymen Arbeitsprofil stattfindet, sondern ein persönlicher Anknüpfungspunkt gegeben ist, kann eine Beziehung zu der/dem Angesprochenen besser aufgebaut werden.

Die Anspracheorte innerhalb von Facebook

Die Auswahl der Anspracheorte bei Facebook steht in direktem Zusammenhang mit der intendierten Adressat*innengruppe. Da die zentrale Adressat*innengruppe des Projekts rechtsaffine junge Menschen der zweiten Präventionsstufe sind, wurde der Fokus der Ansprachen zunächst auf rechtspopulistische Seiten, wie zum Beispiel die von »Pegida« oder von lokalen Initiativen gegen Sammelunterkünfte für geflüchteten Personen, sogenannte »Nein zum Heim-Gruppen«, gelegt. Im Zuge der Arbeit wurde jedoch deutlich, dass zumindest die aktiven Diskutant*innen schon über ein zu geschlossenes Weltbild verfügten und somit von der Adressat*innengruppe des Projekts ausgeschlossen werden mussten. Möglicherweise gibt es in diesen virtuellen Orten eine schweigende Mitleser*innenschaft, die für die Arbeit als Adressat*innen durchaus relevant wäre – diese Gruppe stellt die größte Herausforderung an die Präventionsarbeit da, da sie selten kommuniziert und fast nur passiv Inhalte konsumiert. Da die Mitarbeiter*innen in der Testphase der digitalen Streetwork ausschließlich als Reaktion auf öffentliche Kommentare von User*innen aktiv wurden und sich die gesellschaftliche Debatte im Netz verstärkt polarisierte, wurden diese Orte ausgeschlossen, als sich vermehrt dort Menschen mit geschlossenen Weltbildern äußerten und eine Intervention oder Gegenrede kaum mehr umzusetzen war. Die Anspracheorte waren in der Testphase der Ansprache nachfolgend hauptsächlich Facebook-Seiten von (niedrigschwelligen) Zeitungen. Dort wurden und werden einzelne Artikel gelesen und die Kommentarspalte darunter nach Kommentaren durchsucht.

Jede einzelne Facebook-Seite (z.B. einer Zeitschrift oder Tageszeitung) hat ein spezifisches Publikum und eine bestimmte Community, die sich anhand von Kategorien wie Alter, Interessen, politische Orientierung, Bildungssozialisation, Geschlecht und sexuelle Orientierung auf den einzelnen Seiten zusammenfindet. Auf diesen Seiten findet ein Austausch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, z.B. durch das Teilen von Inhalten, statt.

Die Auswahl der anzuschreibenden Person

Die Onlineansprachen der digitalen Streetwork richten sich gezielt an eine ausgewählte Person, die anhand ihres Beitrags in der Kommentarspalte aufgefallen ist. Die wissenschaftliche Auswertung ergab, dass es zu empfehlen ist, vor jeder Ansprache die Profile anhand der Kategorien »Musik«, »Gruppen«, »Gefällt mir«-Angaben und »Abonniert« in Augenschein zu nehmen, da eine rechte Affinität daran bereits eindeutig erkennbar sein kann12. Das weitere Vorgehen kann darauf abgestimmt werden Mittels einer eigens entwickelten Grafik13 wurde entschieden, ob eine Ansprache stattfindet und ob die Person als Adressat*in des Projektes gilt. Der Inhalt der Aussage und die Inhalte des Facebook-Profils der Person werden entsprechend der Grafik eingeordnet und die Adressat*in per personal message (PM) angeschrieben. Die Grafik macht deutlich, in welchen Bereichen Jugendliche sich auf welche Art äußern und handeln und in welchen Grad rechtsextremer Affinität dies einzuordnen ist. Es wird außerdem sichtbar, mit welcher Art von pädagogischer Arbeit ihnen in den unterschiedlichen Prozessen begegnet werden kann und welcher Präventionsstufe dies zuzuordnen ist. Die Abbildung zeigt zudem, wo sich debate// mit dem Ansatz der »One-to-One«-Interaktion verortet, an und bis zu welchem Punkt die präventive Arbeit des Projektes stattfindet.

Unser Ansatz ist angelehnt an Krafelds bedürfnisorientierten Ansatz, Osborgs konfrontativen Ansatz der subversiven Verunsicherungspädagogik und Weidners/Kilbs Konfrontative Pädagogik. Diese wurden allerdings in unserem Sinne modifiziert, um klar zu machen, dass von uns nicht die »Akzeptierende Jugendarbeit« praktiziert wird.

Pädagogischer Gesprächsansatz

Es wurde ein Gesprächsansatz entwickelt, der sich aus unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen zusammensetzt und bedürfnisorientiert-konfrontativ ausgerichtet ist. Mittels dieses Ansatzes ist es möglich, einerseits eine klare Abgrenzung zu einem menschenverachtenden Weltbild zu verdeutlichen und andererseits das entsprechende Motiv der/des Jugendlichen, z.B. den Wunsch nach Anerkennung, zu bedienen. Die Basis pädagogischen Arbeitens mit auffälligen Jugendlichen ist es, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen, herauszufinden, ob ihr Handeln aus ungestillten Bedürfnissen resultiert, und wenn ja, aus welchen14.
Auch bei Digital Streetwork scheint es sinnvoll, dieses Vorgehen in Betracht zu ziehen, um einen ersten Zugang zu der/dem Jugendlichen zu finden. Dabei darf zweifellos niemals aus dem Fokus der Interaktion geraten, was das eigentliche Ziel ist: die/den Jugendliche*n letztlich mit der eigenen Einstellung zu konfrontieren und ihr/ihm den menschenverachtenden Charakter dieser zu verdeutlichen. Es geht zwar darum, die/den Jugendliche*n anzunehmen und ihr/sein Verhalten zu verstehen, jedoch auf keinen Fall darum, das Verhalten, ihre/seine Einstellung oder gar eine mögliche Tat zu akzeptieren oder damit einverstanden zu sein15. Demnach agiert die/der Pädagogin/Pädagoge optimalerweise weder akzeptierend noch belehrend oder bekämpfend, sondern im ersten Schritt vielmehr aufgeschlossen-bedürfnisorientiert, sie/er nimmt also eine neugierig-neutrale Grundhaltung ein. Ist diese Hürde genommen, ein Zugang gefunden (z.B. erstmal nur die Gesprächsbereitschaft), so kann verunsichernd-konfrontativ weiter gearbeitet werden. Wir geben dabei nicht vor, was Jugendliche denken sollen. Vielmehr versuchen wir nach Osborg (2010) zu hinterfragen, warum sie/er glaubt, dass ihre/seine Einstellung die richtige ist. Diese glaubhafte Neugier wird mittels einer wahrnehmungsgesteuerten Fragetechnik umgesetzt16.

Fragetechnik mit Fragen wie z.B.
»warum denkst Du so?«
»sag mal genauer, was das konkret bedeutet?«
»ich habe das noch nicht verstanden, kannst Du es mir erklären?
»was genau bedeutet das für Dich persönlich?
»hast Du schlechte Erfahrungen mit … gemacht?«

Möglicherweise können dann durch Aufzeigen der eigenen Widersprüche, die der/dem Jugendlichen zurückgespiegelt und mit denen sie/er konfrontiert wird, Zweifel geweckt werden17. Es wird demnach eine konfrontative Verunsicherung auf Basis von Aufgeschlossenheit in der Online-Welt erprobt. Verständlicherweise ist es nicht immer umsetzbar, derartig linear und idealtypisch zu intervenieren. Jede*r Jugendliche reagiert einzigartig, also oftmals anders als erwartet, so dass die Pädagog*innen entsprechend flexibel, empathisch und sensibel sein sollten. So kann z.B. auch aus einer Konfrontation heraus ein Zugang hergestellt werden. Außerdem sollten die pädagogischen Fachkräfte versiert in der Arbeit mit auffälligen Jugendlichen sein, d.h. über aktuelle Ereignisse informiert sowie medien- und jugendaffin sein, um Zugang zu den Jugendlichen zu finden und eine Beziehung aufbauen zu können. Die Grafik auf Seite 23 fasst den Gesprächsansatz zusammen und zeigt übersichtlich deren Einsetzbarkeit in den unterschiedlichen Phasen einer Ansprache. Es wird sichtbar, wie die Haltung der/des Pädagogin/Pädagogen in der Basis und im weiteren Verlauf aussieht, wie sie/er entsprechend handeln kann sowie welche Wirkungen damit jeweils erzielt werden sollen.

Gesprächsansatz One-to-one

Gesprächsablauf

Für das Verfassen einer ersten Ansprache als Message wurden in der Testphase – orientiert an der Methodik der Onlineberatung – wichtige Grundaspekte festgelegt, die in der Erstansprache in jedem Fall mit einbezogen werden sollten.Grundsätzlich dient diese Anordnung ausschließlich zur Orientierung und ist individuell je nach Ansprache veränderbar. Entsprechend der Situation und Gegebenheiten bzw. mit Blick auf die/den Jugendliche*n kann mehr oder weniger Information in die erste Ansprache. Manchmal bietet es sich an, diese sehr ausführlich zu gestalten, bspw. wenn die/der Jugendliche selbst auch umfangreiche Beiträge verfasst. Verhält sich die/der Jugendliche eher minimalistisch, so wäre es eventuell ratsam, sich in der ersten Ansprache selbst ebenfalls kurz und knapp zu halten. Eine erste Ansprache könnte z.B. so aussehen.

Ideen für die erste Ansprache

■ Länge der Ansprache beachten

■ Intention der Ansprache an der richtigen Stelle einbringen

■ Check persönliche Bezugnahme: ja oder nein?

■ positive Konnotation

■ wertschätzende Haltung

■ sich vorstellen

■ nicht moralisieren oder anklagen

■ empathisch nachfragen und/oder Bezug nehmen

■ Beachte: Betonung und Tonalität fallen weg

■ gute und durchdachte Sätze wählen

■ sprachlich im niedrigschwelligen Bereich bleiben

■ Dialog auf Augenhöhe führen

■ keine akademischen Phrasen oder Fremdwörter verwenden

Die ausführliche Beschreibung der Intention kann auch in nachfolgenden Nachrichten oder im weiteren Verlauf des Gesprächs eingebracht werden, um eventuell den Fokus nicht direkt von Anfang an darauf, sondern auf die/den Jugendliche zu richten. Auch die persönliche Bezugnahme sollte gut durchdacht sein, da sie signalisiert, dass die/der Ansprechende bereits das Profil der/des Jugendlichen besichtigt hat. Dieser Punkt sollte also nur angewandt werden, wenn es sich eindeutig anbietet. Bei einer ersten Kontaktaufnahme ist eine positive Konnotation des Anschreibens maßgeblich für Vertrauens- und Beziehungsaufbau. So kann es bei einer Ansprache hilfreich sein, die ersten einleitenden Worte möglichst wertschätzend zu gestalten. Die Vorstellung der eigenen Person ist hierbei ein zentraler Punkt. In den weiteren Formulierungen der Ansprache-Nachricht sollte auf eine moralisierende und anklagende Form der Ansprache verzichtet werden und stattdessen eine empathische Form des Nachfragens bzw. Bezugnehmens auf die jeweiligen Postings gewährleistet sein. Die Sprache ist bei dieser Methode die einzige Möglichkeit für einen Beziehungsaufbau; aus diesem Grund ist sie entscheidend für eine erfolgreiche Ansprache. Da Betonung und Tonalität wegfallen, ist es wichtig, die Ansprache mit gut gewählten, vorab durchdachten Sätzen zu gestalten. Darüber hinaus ist es wichtig, die erste Ansprache in einem sprachlich niedrigschwelligen Bereich zu gestalten, um einen Dialog auf Augenhöhe zu gewährleisten. Besser ist es, z.B. Fremdwörter zu vermeiden. Um einen möglichst verbindlichen Abschluss der Nachricht zu gestalten und die Jugendlichen zu einer Antwort zu motivieren, bietet es sich an, mit einer Aufforderung zur Beteiligung die Nachricht zu beenden, beispielsweise mit einer Frage, die direkten Bezug auf den Jugendlichen nimmt. Sind alle Voraussetzungen gegeben, und es findet nach Prüfung aller Faktoren eine Ansprache unter Berücksichtigung unseres Gesprächsansatzes und den Grundaspekten statt, so kann sich ein weiterer Gesprächsablauf in der Theorie wie folgt gestalten. Nach der ersten Ansprache kann es zur Annahme der Ansprache kommen oder aber auch zu Skepsis und sogar Ablehnung. Im zweiten Fall können in einer folgenden Nachricht weitere Fragen gestellt und versucht werden, den Grund für die Skepsis oder die Ablehnung herauszufinden. Es ist von Vorteil, sich hier weiterhin am Gesprächsansatz zu orientieren, also empathisch, aufgeschlossen-bedürfnisorientiert zu agieren und die/den Jugendliche*n in ihrer/seiner Meinung ernst zu nehmen. Entweder die/der Jugendliche wird doch noch erreicht und entschließt sich zu einer Annahme des Gesprächs, oder es erfolgt eine weitere Ablehnung. Nun kann nach und nach das Gespräch fortgeführt und in die zweite Phase der Ansprache eingestiegen werden, die Konfrontation. Die/der Ansprechende sollte sich dabei immer wieder die Basisaspekte der eigenen Haltung und seines Handelns vor Augen führen, um auch in dieser Phase authentisch zu sein. Im Gespräch können nun Behauptungen widerlegt und/oder hinterfragt werden, es können Argumente eingestreut und Fakten sowie seriöse Quellen dazu geliefert werden – optimalerweise in einem angemessenen Umfang, um die/den Jugendliche*n nicht zu überladen oder abzuschrecken. An dieser Stelle macht es Sinn, auch auf eventuell vorher explizit oder implizit geäu- ßerte Bedürfnisse einzugehen und diese zu berücksichtigen und/oder eigene Erfahrungen mit einzubringen, um eine Beziehung aufzubauen oder eine Selbstreflexion der/des Jugendliche*n zu erreichen. Im Verlauf des Gesprächs in der Konfrontationsphase kann es immer mal wieder zu Skepsis oder Ablehnung kommen. Es gilt auch hier sich die Basisaspekte wieder bewusst zu machen, vorsichtig Fragen zu stellen, um herauszufinden, worin die Skepsis oder Ablehnung besteht. Es ist zu bedenken, dass der Kontakt sehr flüchtig ist und sich die Gesprächspartner*innen in einem virtuellen Gespräch befinden. Die fehlende Anbindung nach außerhalb kann eine Kommunikation erheblich erschweren. Entweder ein weiterer Gesprächsverlauf wird dann doch noch weiter angenommen oder endgültig abgelehnt. Endgültig, da es zu empfehlen ist, nach zweimaligen Ablehnungen, Skepsis oder einseitiger Kommunikation das Gespräch nicht weiter aufrecht zu erhalten. Es kann natürlich auch vorkommen, dass sich erst während des Gesprächs herausstellt, dass eine weitere Kommunikation aufgrund eines bereits fest geformten, geschlossenen Weltbilds nicht sinnvoll ist. In diesem Fall wird, auch bei laufender Ansprache/ Unterhaltung, das Gespräch beendet und wenn möglich bzw. erwünscht, in andere Hilfen weitervermittelt (z.B. zu EXIT). Schafft die/der Anschreibende es, im kontinuierlichen Gespräch zu bleiben, eine Beziehung aufzubauen, der/dem Jugendlichen Hilfe anzubieten, sie/ihn zu unterstützen und zu bestärken, so hat sie/er doch schon beachtliche Erfolge erzielt und ist auf dem besten Weg, eine Distanzierung von rechten Affinitäten zu erreichen.

 

Bei diesem Ansatz schreiben die Mitarbeiter*innen aufklärende Diskussionsbeiträge – beteiligen sich also aktiv in öffentlichen Kommentarspalten –, in denen die Person, deren Beitrag im Zentrum steht, direkt angesprochen und verlinkt wird, um für Mitlesende den Diskussionsverlauf bzw. Argument und Gegenargument gegenüberzustellen und zu verdeutlichen. Wir arbeiten im Sozialraum, in den pädagogisch hineingewirkt wird, es werden demnach alle Menschen mit einbezogen. Dabei geht es darum, sich sprachlich aktiv von einer aus vorwiegend rassistischen und abwertenden Kommentaren bestehenden Diskussion abzuwenden und eine faktenfundierte, sachliche und solidarische Diskussionsform zu etablieren. Eventuell kann daraus auch eine »One-to-One«-Ansprache oder eine Beratung resultieren.

Pädagogischer Ansatz

Ansatz für diese Methode ist die Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit. Sie soll Irritation schaffen sowie alternative Denkansätze anstoßen. Ausdifferenzierte Beiträge sollen aber nicht nur Fakten einbringen und Widerstand sichtbar machen, sondern auch die still mitlesende Mehrheit einbeziehen und dieser gut verständliche Argumente gegen eine rechtsaffine Weltansicht vermitteln. Wichtig ist an dieser Stelle, Hasskommentare nicht einfach stehen zu lassen, sondern mit einer klaren, für alle mitlesenden Personen verständlichen und nachvollziehbaren Argumentation dagegen anzugehen. Die Argumentation durch seriöse Quellen (Links, Zeitungsartikel, Literatur etc.) zu unterlegen, kann hilfreich sein, um der stillen Mitleser*innenschaft Alternativen aufzuzeigen. Diese Übernahme des Diskussionsraums bietet nicht nur die Möglichkeit, die/den Postenden zu irritieren und Denkanstöße zu geben, sondern auch andere zu aktiver Teilnahme zu motivieren und viele unentschlossene, still Mitlesende mit guten Argumenten zu erreichen. Grundsätzlich ist das Debunking eine einfache Form der aufklärenden Stellungnahme und Irritation, da es ein direktes Feedback aus der Community geben kann – Personen, die die Argumentation aufgreifen und weiterführen oder den aufklärenden Beitrag liken, um auf diesem Wege ihre Zustimmung mitzuteilen.

Ablauf

Das Debunking richtet sich direkt an die Person, die den Kommentar gepostet hat. Allerdings richtet es sich in gleichem Maße an die stille Mitleser*innenschaft, um dieser eine andere Sicht der Dinge darzustellen.

 

Hierfür gilt es, den geschriebenen Post »auseinanderzunehmen«, quasi die einzelnen Subthemen zu filtern und zu besprechen. Betrachten wir den Ablauf eines Debunkings an folgendem Beispiel: Der Kommentar auf Seite 30 wurde am 4. November 2015 auf der Facebook-Seite der BILD-Zeitung gepostet. Der Artikel, auf den er sich bezieht, handelt von zwei jungen Aktivisten, die sich in Syrien am Widerstand gegen die selbsternannten Gotteskrieger*innen beteiligt hatten und im Kampf starben. Unter dem Artikel entstand eine netztypische Diskussion mit verschiedenen, richtungsweisenden Ansichten in den Kommentaren. Einige Schreibende äußerten ihre Solidarität mit den mutigen Kämpfer*innen, andere sprachen von der vermeintlichen Gefahr, dass sich einzelne Kämpfer*innen der selbsternannten Gotteskrieger*innen unter einreisenden geflüchteten Personen befinden könnten. In diesem Beispiel äußert sich eine Person über die Gefahr, dass sich Angehörige der selbsternannten Gotteskrieger*innen (Bezeichnung von Muslim*innen für den sog. »IS«) unter den Personen befinden könnten, die vor eben dieser Gruppierung fliehen. Die Argumentation der »unkontrollierten« Zuwanderung wird hier verwendet, um eine restriktive Grenzsicherung für europäische Außengrenzen fordern zu können und so die vermeintliche Sicherheit in Deutschland aufrecht zu erhalten. Aber die rassistische Praxis, derer sich die Person bedient, ist hier schwieriger herauszulesen. Die Argumentation basiert auf »Ängsten«, die in einer breiten Öffentlichkeit in Europa und Deutschland Anklang finden und deshalb eine große Wirkungsmacht besitzen. An dieser Stelle die Perspektive umzukehren hin auf die notwendige Unterstützung der Personen auf der Flucht, gestaltet sich schwierig, da auch dieses Thema sehr emotional in der Öffentlichkeit verhandelt wird. Weiterhin knüpfen diese »Ängste« vor allem an visuellen Unter schieden und damit einhergehenden stereotypen Darstellungen und Konstruktionen des »Fremdartigen« dieser Personengruppen an. Hier ist es entscheidend, Emotionalität weitestgehend auszuschließen und sachlich mit der aktuellen Faktenlage zu argumentieren. Dies gelingt, wenn die einzelnen Funktionen aus den Aussagen herausgefiltert werden, sich klar darauf bezogen wird und diese widerlegt werden können.

Let's do it together! Wir sind viele

Jugendliche, die sich in Kommentarspalten offen gegen Hetze positionieren, werden von den Mitarbeiter*innen positiv gestärkt und unterstützt. Sie erfahren Zuspruch über PM, ihre Kommentare bekommen Likes, oder sie werden aktiv in der offenen Diskussion unterstützt. Diese Methode ermöglicht es, auch demokratische Wortführer*innen zu stärken und zu ermutigen sowie still Mitlesende zu ermutigen, sich ebenfalls zu engagieren. Zudem ist es möglich, die eigene Community zu aktivieren und zum Liken und Verstärken demokratischer Kommentare zu bewegen, um nicht den evtl. Eindruck stehen zu lassen, die Mehrzahl der Kommentatoren und Mitlesenden sei mit der Hetze einverstanden. Auf diesem Wege wird die primäre Präventionsebene bedient und demokratische Alternativkulturen bestärkt.

Im Rahmen der digitalen Streetwork, so wie wir sie praktizieren, kann es zu Herausforderungen unterschiedlichster Natur kommen, die es zu meistern gilt. Im Folgenden werden einige davon exemplarisch beleuchtet und praktische Hinweise zu ihrer Bewältigung gegeben. Das Alter der/des Jugendlichen ist für Nicht-Freunde nicht einsehbar oder generell nicht im Profil vermerkt.
Was tun? Es kann eine Freundschaftsanfrage gesendet werden, um eventuell Informationen zum Alter herauszufinden. Dies kann jedoch die persönlichen Grenzen überschreiten und eher abschreckend wirken. Alternativ ist es möglich, sich das Profil anzusehen: Besonders die »Gefällt mir«-Angaben auszuwerten, kann sehr aufschlussreich sein. Möglicherweise kann durch diese Infos das Alter näher eingegrenzt oder abgeschätzt werden. Die Jugendlichen kennen die ansprechenden Personen (hier: Mitarbeiter*innen der Amadeu Antonio Stiftung) außerhalb der Online-Welt nicht, und die Ansprache landet im SpamOrdner.
Was tun? Hier besteht die einzige Möglichkeit, eine Freundschaftsanfrage zu senden. Die Ansprache bringt die Schwierigkeit der schriftlichen Sprache mit sich. Klangform der Stimme und Betonungen fallen weg, was zu Missverständnissen auf beiden Seiten führen kann.
Was tun? Die Ansprache mit gut gewählten, vorab durchdachten Sätzen gestalten, in einem sprachlich niedrigschwelligen Bereich bleiben, Emoticons verwenden und akademische Phrasen und Fremdwörter vermeiden.

Die Jugendlichen haben kein Bedürfnis geäußert sich zu unterhalten. Eine Ansprache kann von ihnen schnell als übergriffig gewertet und ignoriert werden. Hinzu kommt, dass es für Jugendliche unangenehm sein kann, in ihrem »virtuellen Kinderzimmer« – also auf ihrem privaten Facebook-Account – von einer Person angesprochen zu werden, die dies als Arbeitsauftrag ausführt.
Was tun? Das Interesse der Jugendlichen ist für das Gelingen einer Zusammenarbeit unverzichtbar. Gelingt es nicht, ihr Interesse zu wecken, ist der Versuch eher aussichtslos. Die Freiwilligkeit der Jugendlichen ist unbedingte Voraussetzung. Sie müssen sich akzeptiert und ernstgenommen fühlen. Die Haltung der/des Pädagogin/Pädagogen ist also von grundlegender Bedeutung: aufgeschlossen-bedürfnisorientiert, neugierig-neutral.

In sehr häufigen Fällen werden in Postings viele unterschiedliche Themen durcheinander geworfen.
Was tun? Bei einem Posting der Jugendlichen muss zuallererst das Thema im Thema herausgefiltert werden. Was ist der genaue Wortlaut, und worum geht es im Subtext? Bevor »One-to-One« oder »One-to-Many« erfolgen kann, werden die einzelnen Themen sortiert, um sich nur auf eines davon festzulegen und eine stringente Argumentation beibehalten zu können. Sogenanntes Themen-Hopping wird von geschulten Rechtsextremen häufig genutzt, um Argumentationsgegner*innen zu verunsichern und dadurch die eigene Position zu stärken. Wichtig ist daher, sich zunächst auf ein einzelnes Thema zu konzentrieren und entsprechend darauf zu beharren, zunächst erstmal nur über dieses eine Thema diskutieren zu wollen.

Fakten werden oftmals verdreht und Quellen nur teilweise, fälschlich oder gar nicht angegeben.
Was tun? Die ansprechende Person sollte über die diskutierten Themen gut informiert sein. Ein möglichst genauer Kenntnisstand von aktuellen Geschehnissen ist unerlässlich, um eine argumentativ-fundierte Position zu vermitteln. Somit können falsche Fakten entlarvt und seriöse Gegeninfos geliefert werden. Abgesicherte Quellen bereitzuhalten kann von Vorteil sein, um die eigene Argumentation zu untermauern. Es bietet sich z.B. an, eine Datei mit Links zu belegbaren Fakten bzw. seriösen Quellen (wie Zeitungsartikeln, Berichten, Interviews, Literatur) anzulegen. Diese kann nach unterschiedlichen Bereichen sortiert sein – z.B. nach politischer Lage, stark frequentierten Themen, aktuellen Geschehnissen etc. Eine solche Liste kann entweder ganz individuell je nach Mitarbeiter*in gestaltet sein, oder es kann eine allgemeine Liste für alle Mitarbeiter*innen bereitstehen, in die jede*r ihre/seine Kenntnisse und Expertise einträgt, um sie für alle zugänglich zu machen.

Der 14. Kinder- und Jugendbericht belegt mit seiner wissenschaftlichen Analyse über das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen die notwendige Neuausrichtung der Kinder-und Jugendarbeit im Bereich digitaler Medienkompetenz. Als Schlagwort wird dazu Mediatisierung verstanden: Der Begriff beschreibt die tägliche Nutzung von unterschiedlichen Medien, wie Soziale Online-Netzwerke (Facebook & Co.) oder verschiedene Messenger-Apps auf dem Handy (Instagram, WhatsApp etc.). Diese fließen in unterschiedliche Teilbereiche der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein und beeinflussen sie in erheblichem Maße. So gilt es, wie bereits angeklungen ist, die Gestaltung von schulischem Alltag, Jugendarbeit und anderen betroffenen Bereichen in Sachen Medien zu modernisieren und an das Wissen der jungen Community als Pädagog*innen anzuknüpfen.

Was bedeutet Soziale Arbeit im Web 2.0?

Das World Wide Web ist und bleibt ein dynamischer Raum. Es ist ständig in Bewegung und wird kontinuierlich von seinen Nutzer*innen aktiv mitgestaltet. Für online handelnde Sozialarbeiter*innen wirft das besonders die Frage auf, welche Handlungsansätze genutzt werden, um User*innen anzusprechen, und welche virtuellen Räume für die Umsetzung der Arbeit erschlossen und mitgestaltet werden. Dafür ist es wichtig, dass Sozialarbeiter*innen selbst einen professionellen und kompetenten Umgang mit Sozialen Medien haben, über aktuelle technische, soziale und inhaltliche Entwicklungen im Web auf dem Laufenden bleiben und einen reflektierten Blick darauf entwickeln. Eine solche Medienkompetenz gilt es ebenfalls an User*innen zu vermitteln, so dass diese befähigt werden, einen angemessenen Umgang mit problematischen Inhalten wie Hate Speech zu finden. Allgemein kann festgehalten werden, dass Soziale Arbeit das Web 2.0 noch intensiver als ein wichtiges Handlungsfeld anerkennen sollte. Forschung und Lehre der Sozialen Arbeit sind dazu angehalten, in diesem Bereich viel aktiver zu werden als bisher und die Bereitstellung von Ressourcen für Soziale Arbeit im Netz einzufordern. Dieser Bericht stellt einen ersten Schritt dazu dar, die Übertragbarkeit von Methoden der Sozialen Arbeit in den Online-Raum, insbesondere die Präventionsarbeit auf Sozialen Online-Netzwerken zu erforschen. Unsere Erkenntnisse bedürfen einer weiteren Ausarbeitung sowie einer wissenschaftlichen und theoretischen Fundierung. In Anbetracht des aktuellen Erstarkens rechter Bewegungen und der massiven Ausweitung von Hate Speech in Sozialen Online-Netzwerken ist dabei zu überlegen, ob etablierte Konzepte von Prävention oder Rechtsextremismus in diesem Kontext überdacht werden müssen. Möglicherweise kann auch ein Erfahrungstransfer auf andere Bereiche Sozialer Arbeit in Betracht gezogen werden. Für Online-Beratungen wurden von verschiedenen Wohlfahrtsverbänden bereits ethische und methodische Standards formuliert. Digitale Kommunikation wirft allerdings durch die Vielfalt der Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten wie auch in Bezug auf Datenschutz neue Fragen auf, die aus professioneller und ethischer Perspektive beantwortet und standardisiert werden und dabei flexibel bleiben müssen. Darüber hinaus bleiben viele Aspekte offen, die es in der weiteren Auseinanderset

zung mit Präventionsarbeit in Sozialen Online-Netzwerken zu behandeln gilt. Beispielsweise wären konkrete Handlungspraxen der Kontaktaufnahme und -pflege in diesem Bereich zu erarbeiten und zu reflektieren. Während durch unterschiedliche Studien bereits ein breites Wissen zum allgemeinen Nutzungsverhalten Jugendlicher in Sozialen Online-Netzwerken besteht, stellt die Eruierung von Motiven für rechtsgerichtete und diskriminierende Äußerungen noch immer ein Forschungsdesiderat dar. Welches Motiv verfolgen Jugendliche, wenn sie rechte Hetze teilen bzw. sich dieser anschließen? Und wie stehen diese Motive mit gesellschaftlichen Entwicklungen in Zusammenhang? Fragen wir doch am besten die jungen Menschen selbst. Wie können wir also noch effektiver mit Jugendlichen im Netz ins Gespräch kommen, um ihre Ängste, Wünsche und Bedarfe zu erfahren, um ihnen ein Vorbild und eine Stütze zu sein, um Denkanstöße zu geben und um sie stark zu machen, demokratische Debatten konfliktfähig zu führen?

Praxiserfahrung - wissenschaftlich begleitet und ausgewertet

Um das Online-Verhalten der jungen Menschen noch besser zu verstehen und für die Projektziele nutzbar zu machen, wurden 53 Facebook-Profile rechtsextrem gefährdeter oder orientierter Jugendlicher, die das Projekt im Zeitraum 2015 bis 2016 online angesprochen hatte, im Anschluss an die Interaktion vom Media Uselab18 ausgewertet und untersucht. Die Profilanalysen erfolgten mittels qualitativer Inhaltsanalysen ausgewählter Facebook-Profilkategorien (Fotos, Musik, Filme etc.) der angesprochenen User*innen; zusätzlich wurden qualitative und quantitative Auswertungen der jeweils letzten 20 in der Chronik verfügbaren Posts durchgeführt. Die Ergebnisse anhand der Profilkategorien ergaben, dass eine potenzielle rechtsextreme Gefährdung oder Orientierung der User*innen bereits anhand der Online-Selbstrepräsentation im Facebook-Profil erkannt werden kann. Rechtsaffinität zeigt sich, so das Ergebnis, vor allem häufig in den Kategorien »Musik«, »Gruppen«, »Gefällt mir«-Angaben und »Abonniert«. Die letztere (»Abonniert«) ist bei Facebook erst Anfang 2016 prominent im User-Interface platziert worden. Mit Hilfe dieser Kategorien lässt sich in der Auswertung auch die stille Mitleserschaft identifizieren, bei der User*innen radikale oder extremistische Inhalte »liken«, ggf. teilen oder gezielt abonnieren, sich aber nicht selbst in Posts rechtsaffin äußern. Die wissenschaftliche Auswertung wie auch die Praxiserfahrung des Projekts debate// empfiehlt, vor jeder Ansprache die Profile anhand der abonnierten Kategorien genauer einzusehen, um das weitere Vorgehen bzw. die Anspracheart darauf abzustimmen bzw. darauf zu verzichten. Wenn Gebiete innovativ neu erschlossen werden müssen, ist die Fehlerquote hoch: Im Fall des Projektes debate// betraf dies vor allem die Einschätzung der zeitlichen Arbeitsressourcen, die nötig sind, um das Web mit seinen Anspracheorten zu erschließen und die Ansprachen durchzuführen. Arbeit mit Sozialen Medien ist nichts, was »nebenher läuft«, sondern sollte durchdacht, mit Methode, Systematik, Handlungsleitlinien und angemessenen Zeitressourcen verbunden sein. Online-Streetwork ist demnach extrem zeitaufwändig, steht häufig in Diskrepanz zur Zielerreichung einer Beziehungsarbeit und entwickelt sich erfolgreich hauptsächlich dann, wenn verknüpft mit einem realen, analogen Bezugspunkt (wie z.B. offener Jugendarbeit) gearbeitet wird.Hinzu kam die Schwierigkeit, ausschließlich online aktiv zu sein. Das Web 2.0 kann ein sehr flüchtiger Ort für jede Form der Beziehungsarbeit sein, sodass es nicht einfach ist, Stabilität aufzubauen, wenn es vorher keinen »analogen« Kontakt gab. Daher empfehlen wir, On- und Offlinedimension stärker zu verschränken bzw. bestehende aufsuchende Soziale Arbeit um diesen Bereich zu erweitern. Der Bereich der »Netzaffinität« ist eine Lebenswelt von Jugendlichen, die auch Pädagog*innen sich erschließen können. Doch auch das kostet Weiterbildung und fortwährende Aufmerksamkeit, da sich durch aktuelle Ereignisse digitale Orte, Sprache und Ausdruck immer wieder verschieben. Auch kann eine Online-Präventionsarbeit eine grundlegende Medienbildung bei jungen Menschen nicht abdecken. Wäre diese schon stärker vorhanden, wäre Rechtsextremismusprävention online ein großes Stück leichter. Dies würde bestimmte generelle Aspekte wie bewusste Falschmeldungen rechtsextremer Urheberschaften, Hass-Posting zu Geflüchteten, vermeintliche Testimonals einzelner User*innen (»Die Freundin meiner Mutter hat aber gesehen, dass«), Echokammereffekte und klassische Verschleierungstaktiken – präventiv umfassen und zu einer verbesserten Gesamtsituation beitragen. Allgemein bleibt im Kontext aktueller Regulierungsmechanismen vor allem das Problem, dass Hass oder auch rechtsextreme Inhalte für Jugendliche zunehmend verbal verschleiert werden, d.h. dass die Herausforderung, diese kritisch nach Medienbildungsstandards einzuordnen bzw. als solche zu erkennen, höher wird. Umso wichtiger ist es, der Verbreitung rechtsextremer und rechtspopulistischer Inhalte und der Polarisierung der Gesellschaft auch mit gezielter, professionell ausgestatteter Online-Präventionsarbeit entgegenzuwirken.

Nächste Schritte – Roll Out:

Zu einem späteren Zeitpunkt im Verlauf des Projekts Interviews mit Jugendlichen führen, bei denen eine Prävention in der zweiten Stufe (zumindest in Teilen) bereits erfolgreich war. Deren Erfahrungen und Erkenntnisse können schriftlich oder weiter gedacht auch als Videomaterial festgehalten und als Testimonials für unterschiedliche Zwecke (z.B. in unseren Online-Gruppen, Communities, bei Workshops oder Vorträgen) eingesetzt werden.

Wie lässt sich Digital Streetwork (weiter-) entwickeln?

Nach Auswertung der Zahlen der angeschriebenen Personen und erhaltenen Antworten sowie der Kontinuität der Konversationen lässt sich klar festhalten, dass die Erfolgsrate, quantitativ gemessen, im Verhältnis zum zeitlichen Aufwand bisher äußerst gering ist. Die wissenschaftliche Auswertung kam ebenfalls zu diesem Ergebnis, und es gilt nun, die vorhandenen Methoden entsprechend weiterzudenken und auszuarbeiten. Bisher scheint eine Ansprache aufgrund eines irgendwann einmal irgendwo getätigten Kommentars für die Angesprochenen doch eher merkwürdig zu sein. Einige wissen gar nicht mehr, worum es geht, andere möchten nicht antworten, und die meisten übersehen die Ansprachen schlichtweg. Das Potential ist jedoch definitiv vorhanden, wie sich an den Konversationen, die geführt wurden, ablesen lässt. Laut der wissenschaftlichen Auswertung kann der Erfolg gesteigert werden, wenn »One-to-One« zu einem späteren Zeitpunkt zum Einsatz käme. Eine Ausarbeitung des »One-to-Many« und das Weiterdenken einer alten Idee könnten als Grundlage dafür wie auch als eigenständige Handlungsmöglichkeit erfolgreich sein: Da das Projekt bedürfnisorientiert arbeitet, soll ein bespieltes und moderiertes Streetworker*innen-Profil erstellt werden. Glaubwürdige Projekt-Profile sowie regelmäßige eigene zielgruppengerechte Posts, die den Kontakt etablieren, sind für die Kommunikationsebene zentral. Im Schnitt sind nur 3 von 20 Posts politisch, die überwiegende Mehrzahl der Chronik-Beiträge besteht aus unpolitischen Posts wie Selfies, Humor, Sprüchen etc. Das Profil soll also nicht nur, wie in der bisherigen »One-to-Many«-Ansprache, kontinuierlich in bereits bestehenden Diskussionen mit kommentieren, sondern selbst Inhalte generieren und sich zu bestimmten aktuellen (z.B. emotional sehr aufgeladenen Themen) äußern, um sich den Gesprächsbedarfen der Jugendlichen anzupassen. Neben Statements und dem Aufgreifen von Inhalten soll das Profil auch sachlich-seriöse (Gegen-)Darstellungen bringen.

 

Anzahl rechter Posts in Chroniken. Stichprobe von 60 rechtsaffinen Posts aus 13
Chroniken. Grafik: Prof. Dr. Julie Woletz, Media Uselab

 

Zu den häufigsten Themen der rechtsaffinen Posts gehören angebliche Straftaten von Flüchtlingen, generelle Flüchtlings- und Islamfeindlichkeit, Kritik bzw. Diffamierung von Frau Merkel sowie Posts pro/von rechtsaffinen Gruppierungen und rechte Memes (Zitate, Symbole, Witze etc.).Die Intervention des Profils kann mit den unterschiedlichsten Mitteln, gemessen an der Themenhäufigkeit rechtsaffiner Posts, geschehen. Die/der Streetworker*in kann unterschiedliche Wege einschlagen, z.B. hat sie/er folgende Möglichkeiten:

Die Stärkung der Konflikt- und Handlungsfähigkeit von jungen Menschen muss unbedingt als langfristiges Bildungsziel verankert werden. Jugendliche müssen wieder lernen, sich in Diskussionen einzubringen, sich konstruktiv zu streiten, um eine demokratische Debattenkultur leben zu können. Hier wäre eine Art debating-Training ein geeignetes Mittel, um junge Menschen fit zu machen.Die Stärkung der Konflikt- und Handlungsfähigkeit von jungen Menschen muss unbedingt als langfristiges Bildungsziel verankert werden. Jugendliche müssen wieder lernen, sich in Diskussionen einzubringen, sich konstruktiv zu streiten, um eine demokratische Debattenkultur leben zu können. Hier wäre eine Art debating-Training ein geeignetes Mittel, um junge Menschen fit zu machen.

Idealerweise wird nach und nach eine Community aus Abonnement*innen, Interessent*innen, stillen Mitleser*innen, Befürworter*innen, Kritiker*innen etc. aufgebaut. So kann gleichzeitig empowert, öffentlich Counter Speech gemacht, »One-to-One«-Ansprache getätigt und möglicherweise sogar Beratung gegeben werden. Nutzer*innen, die zur Leserschaft bzw. Community gehören, würde eine Ansprache nicht mehr merkwürdig erscheinen. Die/der Streetworker*in kann sich z.B. um einen Facebook-Freundschaftsstatus bemühen, der eine Kommunikationsebene etabliert und Einsicht in persönliche Posts erlaubt. Denn wenn die Chronik-Posts zugänglich sind bzw. eine Kommunikationsebene etabliert wurde, lassen sich auch aus den Chroniken der Profile sehr gut relevante Themen, Gesprächsansätze und Ansprache-Weisen sowie Interaktions- und Interventionsmöglichkeiten ableiten sowie mögliche weitere Forschungs- und Handlungsfelder identifizieren. Als abschließendes Moment möchten wir Sie ermutigen, selbst zu eruieren und zu beurteilen, was es weiterhin für die Erschließung des digitalen Raums in der Jugend(sozial)- arbeit braucht.

10. Schenk, Michael/Niemann, Julia/Reinmann, Gabi et al.: Gläserne Freunde? Kompaktversion zur LfM-Studie Digitale Privatsphäre. Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen. Düsseldorf 2012, S. 43.

11. Besonders junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren aller Geschlechter und aller sozialer Status liegen dabei in unserem Aufmerksamkeitsbereich.

12. Beim Abonnieren handelt es sich um einen einseitigen Kommunikationskanal. Gesehen wird alles, was die abonnierte Person an Neuigkeiten teilt. Andersherum ist das nicht möglich: Die abonnierte Person kann nicht einsehen, was die/der Abonnent*in teilt. Was sie allerdings sieht, ist, von wem sie abonniert wurde. Eine solche Liste ist in der Regel auch für andere Facebook-Nutzer*innen einsehbar.

13. Die Grafik setzt sich aus Ansätzen und Modellen aus der Offline-Arbeit zusammen: Caplan (1964), Borum (2011), Heitmeyer (1992) und Wild/Möller (2015).

14. vgl. Debus (2014), S. 61 ff.

15. vgl. Rieker (2009), S. 130; Osborg (2010), S. 205.

16. vgl. Osborg (2013), S. 2.

17. vgl. Osborg (2010), S. 216.

18. Das Media Uselab ist ein anwendungsorientiertes Labor für empirische Medien-, Nutzungs- und Interaktionsforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Julie Woletz.

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren