FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Toxische Narrative: Handlungsempfehlungen

by debate dehate

Rechtsextreme und Rechtspopulist_innen nutzen digitale Medien professionell und auf der Höhe der Zeit – und das mit Erfolg. Die hier vorgestellten Untersuchungsergebnisse geben einen ersten Einblick in das, was hinter der Wirkungsmacht rechts-alternativer Medienlandschaften steht: gut erzählte, sorgfältig platzierte und breit multiplizierte Narrative. Diese Narrative lassen sich vielfältig variieren und erscheinen in unterschiedlichsten Gewändern. Damit eine Erzählung erfolgreich ist, muss sie sich überdies immer wieder an neue Umstände anpassen und Details oder ihre Codierung ändern. Erzählungen, wenn sie relevant bleiben wollen, sind also keine feste Konstrukte, sondern befinden sich stets im Wandel. Deshalb kann ihre Erfassung und Einordnung nicht anhand von Stichwörtern automatisiert vorgenommen werden, sondern erfordert große Aufmerksamkeit und die genaue Sichtung entsprechender Beiträge. Eine Mühe, die sich lohnt: Denn Narrative helfen nicht nur bei der Verbreitung von Ideologien, durch ihre Untersuchung lassen sich auch sehr gut Rückschlüsse auf dieselben ziehen. Eine genaue Analyse und Dekonstruktion der Erzählungen hilft dabei, den Überbau zu entfernen und den menschenverachtenden Kern der dahinter liegenden Überzeugungen zu offenbaren.

Doch wie gravierend ist der hier vorgestellte Befund für die breitere Öffentlichkeit und sogenannte Mitte? Spielt sich all dies nicht vorrangig, wie eingangs erwähnt, in rechten Echokammern ab? Reden wir hier über ein Randphänomen, das nur für eine kleine Bevölkerungsgruppe und die sie beforschenden Spezialist_innen relevant und interessant ist? Leider nicht. Die Erzählungen helfen nicht nur bei der emotionalen Verankerung, Bestätigung und Verstärkung bestimmter Weltbilder innerhalb rechts-alternativer Szenen. Sie dienen auch als Argumentationshilfen und werden von ihren Anhänger_innen in sämtliche Kommentarspalten der bundesdeutschen Medienlandschaft hineingetragen, von der Tagesschau bis zur Süddeutschen Zeitung. Rechts-alternative Erzählungen nützen also der Verbreitung ihrer Ideologie weit über die eigenen Kreise hinaus. Sie helfen, bereits (latent) vorhandene rassistische Vorurteile in der Bevölkerung zu festigen oder kursierende Verschwörungsideologien im Gespräch zu halten und soweit zu normalisieren, dass sie als ernstzunehmende alternative »Theorien« von breiten Gesellschaftsschichten aufgenommen werden. Nicht jede_r, der solche Theorien aufgreift, vertritt all ihre Facetten oder die antisemitische Vorstellung einer »jüdischen Weltverschwörung«, die in fast allen Verschwörungsideologien steckt. Da diese jedoch in vielen Erzählungen spürbar mitschwingt bzw. ihr Kern ist, führt deren Verbreitung zu einer Normalisierung dieser Thesen und ist auch für viele ein Einstieg, die solche Verschwörungsideologien in ihrer kruden Direktheit sonst ablehnen würden. Selbst eine offenkundig absurde Erzählung wie die über den »großen Austausch« schafft es immer wieder, in Mainstream-Medien besprochen zu werden und so rechtsextremes Gedankengut präsent zu halten. Ohne die Umwandlung in eine griffige Erzählung würde die Idee, geheime Kräfte arbeiteten an der Ausrottung der weißen Bevölkerung in Europa, sicher leichter als die wahnhafte Verschwörungstheorie erkannt und ihr damit die Grundlage für eine Diskussion entzogen. So spiegelt die Ausbreitung und Entwicklung toxischer Narrative Radikalisierungsprozesse wider und befördert gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit weit über die rechts-alternative Szene hinaus.

Und es ist zumindest eine interessante Frage, inwieweit mithilfe solcher Erzählungen auch direktes Agenda-Setting gelingt. Schlagworte wie Köln, Obergrenze, Kriminalität u.a. erinnern daran, wie sich die öffentliche Debatte komplexer Problemlagen unter dem Eindruck negativer Erzählungen beeinflussen und auf einen Slogan verkürzen lässt. Diese Verkürzung spiegelt sich auch in der Diskussion über Gegenstrategien. Die Forschung und Debatte über Hass im Netz wird seit einigen Jahren eng geführt, beschränkt sich bislang allerdings weitgehend auf den strafrechtlich relevanten Teil von Äußerungen. Toxische Narrative lassen sich jedoch nicht per Gesetz verbieten oder löschen. Vorstöße wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder die Forderung einer rigoroseren Löschpolitik der Betreiber laufen hier ins Leere, weil die Narrative selten strafrechtlich relevant sind – und auch in gemäßigtem Ton ihre Wirkung entfalten.

Pädagogische Ansätze für eine demokratische digitale Zivilgesellschaft

Die Antwort muss deshalb eine digitale demokratische Zivilgesellschaft sein. Die klassische Zivilgesellschaft ist gefordert, ihr Handeln auf den digitalen Raum zu übertragen und sich mit Online-Aktivist_innen zusammenzutun. Eine wachsende Bedeutung kommt dabei der Präventionsarbeit im Netz zu: Insbesondere Jugendliche trennen on- und offline nicht mehr und stehen im besonderen Fokus rechts-alternativer Zielgruppenansprache. Eine lebensweltorientierte Präventionsarbeit sollte deshalb die Wirkung von Narrativen auf Jugendliche berücksichtigen und ihrem Effekt in Radikalisierungsprozessen entgegenwirken. Kinder und Jugendliche brauchen qualifizierte Ansprechpersonen aus der Jugend- und Schulsozialarbeit, die auch online Beziehungsarbeit leisten, die Auswirkungen von Hass im Netz einschätzen und auffangen können und rechtliche Aspekte des Betroffenenschutzes kennen. Doch bei der Übertragung bewährter pädagogischer Konzepte in den digitalen Raum stehen viele Träger noch am Anfang – nicht nur personell, sondern auch in Bezug auf ihre Digitalkompetenz oder eigene digitale Präsenz. Viele erprobte Methoden funktionieren im Netz nicht und müssen zuerst entsprechend weiter oder neu entwickelt werden – zu einer Form von Online-Streetwork, die auch Narrative und ihre Wirkung berücksichtigt.

Peer-to-Peer-Ansätze, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Jugendarbeit bewährt haben, sind auf das Web 2.0 bei entsprechender Grundlegung und Begleitung übertragbar, doch hängt ihr Erfolg maßgeblich von glaubwürdigen Absender_innen aus den Communities ab. Peer-to-Peer kann auch Hass in die Filterblase und in geschlossene Gruppen tragen bzw. verstärken; genauso schleusen sich Erzähler_innen rechter Narrative bei Jugendlichen ein: 30% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 14 bis 35 Jahren berichten, dass sie schon mit Hass-Posts oder unseriösen Medien in sozialen Medien konfrontiert wurden, und zwar in ihrem eigenen Social Media-Freundesnetzwerk. Daher braucht es neben der Arbeit mit den Narrativen immer wieder auch Aufklärung über das Medium und seine spezifische Wirkung in der Debatte selbst. Dazu müssen sich Pädagog_innen zweifach qualifizieren – für die Vermittlung von Medienkompetenz in einem zeitgemäßen und viel konkreteren Sinne, nämlich einer »Web 2.0 Literacy«, und mit Blick auf das Erkennen und Decodieren der dort kursierenden Narrative. So eingebettet kann Peer-to-peer-Arbeit sehr wirkungsvoll sein, wie das Train-the-Trainer-Programm des Projektes debate// de:hate zeigt.

Dies sollte nicht bei der Jugendarbeit enden. Der sichere Umgang mit dem Web 2.0, seinen vielfältigen Inhalten und Gefahren, sollte Teil des schulischen Curriculums werden. Doch sollte der Fokus nicht nur auf Kindern und Jugendlichen liegen. Gerade die hier untersuchten Daten legen nahe, dass Heranwachsende keineswegs die Mehrheit der Rezipienten oder die Hauptzielgruppe der untersuchten Akteure sind. Es ist also unverzichtbar, auch Erwachsenen sowie Multiplikatoren entsprechenden Angebote und Ressourcen der Medienbildung zur Verfügung zu stellen. Und sie in den Aufbau einer demokratischen digitalen Zivilgesellschaft aktiv mit einbeziehen. Wir brauchen eigene Social Media-Strategien, die nicht nur auf rechts-alternative Erzählungen reagieren oder eigene Offline-Projekte im Internet statisch abbilden, sondern die das Web 2.0 mit ermutigenden Narrativen proaktiv mitgestalten.

Vom Gegen-Narrativ zur Demokratie-Erzählung

Die große Stärke von Rechtsextremen und Rechtspopulist_innen ist ihre emotionale Authentizität. Ihre demokratiefeindlichen Erzählungen werden getragen von ihrer inneren Überzeugung und dem unverhohlenen Hass gegen Minderheiten und politische Gegner_innen.

Die Demokratie ist hier gewissermaßen im Nachteil: Sie hält sich an Grundsätze fairer Debatte, wo ihre Gegner_ innen die Grenzen überschreiten, lässt auch kontroverse Beiträge stehen und diskutieren und bemüht sich um sachliche Diskussionen. Die alarmistischen Narrative der rechts-alternativen Medienlandschaft wirken wie ein Grundrauschen, dem nur schwer zu begegnen ist. Umso wichtiger ist es, die Stärken und Werte der Demokratie ebenfalls in wirkmächtige Narrative zu übertragen. Die Antwort auf Hass und Hetze müssen eigene Narrative sein: starke Geschichten und Vorbilder, die – unter Bezug auf die eigene Lebenswirklichkeit – für einen werteorientierten Umgang miteinander, für Menschenrechte und die offene Gesellschaft eintreten. Kurz: die rechts-alternativen Narrative müssen gesellschaft
lich und politisch-bildnerisch beantwortet werden. Denn die Arbeit mit Narrativen und Gegen-Narrativen wird zunehmend wichtiger für die inhaltliche Auseinandersetzung mit Ideologien der Ungleichwertigkeit und Verschwörungserzählungen. Nicht zuletzt braucht es in Zeiten der immer stärkeren und selektiven Meinungsbildung über das Internet größere Anstrengungen, alle Bürger_innen im Umgang mit den Medien kompetent und selbstsicher zu machen. Medienkompetenz bedeutet dabei weit mehr als nur den vorsichtigen Umgang mit persönlichen Daten und Passwörtern: Ebenso wichtig ist es, Narrative erkennen und auflösen zu können, Quellen zu hinterfragen und zu prüfen, Echokammern zu verstehen und zu durchbrechen. Eine kontroverse Debattenkultur als »Seele der Demokratie« muss Teil dieser Medienbildung werden – sowie die Grenzen wahrzunehmen, an denen Diskurse in Agitation und verfestigter Feindseligkeit enden. Die Auseinandersetzung mit den Mechanismen der digitalen Meinungsbildung ist der Grundpfeiler für die Stärkung einer digitalen demokratischen Debattenkultur. Die Bekämpfung toxischer Narrative darf nicht in Gesetzen und Regulierungen in Bezug auf die Plattformen, auf denen Menschen sich austauschen, enden. Vielmehr braucht es aktive und offene Diskurse darüber, wie wir eine demokratische Gesellschaft gestalten und vor allem erzählen wollen. Dazu bedarf es eigener kraftvoller Erzählungen. Oft werden letztere als Gegen-Narrative bezeichnet, doch
eigentlich müssten sie Demokratie-Narrative heißen. Wir müssen lernen, nicht nur zu zeigen und zu beschreiben, wie Demokratie und Pluralismus funktionieren, sondern zu erzählen, wie sie erlebt werden, welche Wirkungen sie auf die Beteiligten haben, welche Energien sie freisetzen, welche Lösungen sie ermöglichen, wo sie beginnen und wo sie in unserer Gesellschaft bereits zu finden sind.

Wie kann auf toxische Narrative reagiert werden?
# Narrative ins Wanken bringen Nur weil sich eine Geschichte überzeugend und gut erzählt anhört, ist sie noch lange nicht wahr. Eine inhaltliche Auseinandersetzung auf sachlicher Ebene kann vor allem Mitlesende ins Grübeln bringen – sie ist aber aufwändig, vor allem wenn man selbst nicht im Thema steckt. Ein einfacher erster Schritt ist es, nach Quellen und Belegen zu fragen, darauf hinzuweisen, dass es hierzu auch andere Meinungen gibt, und Gegenpositionen aufzuzeigen.
# Haltung zeigen Hinter Narrativen steckt nicht notwendigerweise eine geschlossene Ideologie – sie leben vor allem vom subjektiven Eindruck. Im Gegensatz zu einschlägigen rechtsextremen Parolen oder rechtspopulistischen Ideologien sind entsprechende Narrative nicht grundsätzlich gesellschaftlich geächtet, sondern bewegen sich in der Regel im Rahmen des »Sagbaren«. Deshalb wird ihnen seltener widersprochen. Dennoch ist es wichtig, toxische Narrative offen abzulehnen und ihnen zu widersprechen. Jede Antwort ist besser, als die rechts-alternativen Erzählungen unkommentiert stehen zu lassen. Hilfreich ist es, grundsätzlich mit einer Haltung zu reagieren, die sich auf demokratische Werte beruft. Der abwertende oder rassistische Kern einer Aussage sollte auch als solcher bezeichnet werden.
# Narrative decodieren Hilfreich für die Auseinandersetzung ist es, sich zunächst grundsätzlich mit dem Aufbau der Erzählungen zu beschäftigen: Welche Argumentation wird verfolgt? Nach welchem Muster wird erklärt und
welche Zusammenhänge hergestellt? Welche Bilder werden verwendet und welche Schlagworte herangezogen? Sinnvoll ist es, auf Verallgemeinerungen oder verkürzte Sinnzusammenhänge hinzuweisen.
# Nicht in die Ecke drängen lassen Wer sich gegen konkrete Narrative ausspricht, bekommt erfahrungsgemäß großen Gegenwind – und wird genötigt, sich selbst zu erklären sowie eigene Belege zu liefern und Quellen zu benennen. Wer auf Narrative antworten möchte, sollte sich nicht in die Defensive drängen oder vom Thema ablenken lassen und stattdessen selbstbewusst Antworten auf die eigenen Kritikpunkte einfordern.
# Gegenseitig stärken Das Ziel von Narrativen ist es, Deutungshoheit zu gewinnen und Themen zu setzen. Das geschieht immer auch über die Behauptung, (vorgespiegelte) Mehrheiten zu vertreten. Wer sich in die Auseinandersetzung begibt, sollte nicht allein auf weiter Flur stehen müssen. Unterstützen Sie andere beim Argumentieren, ermutigen Sie sie und bestätigen Sie Aussagen, denen Sie zustimmen.
Entscheidend ist es, die Logik zu durchbrechen, nach der das am meisten gehört wird, was am lautesten und aggressivsten kundgetan wird. Die Erwartungshaltung sollte nicht sein, gefestigte Rechtsextreme und Rechtspopulist_innen zu überzeugen. Bedenken Sie immer, dass Sie im Kontext von Narrativen vor allem mit denjenigen sprechen, die nur mitlesen und sich von Narrativen mitziehen lassen könnten.

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren