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Aktuell, Allgemein, Interview, Stimmen 22. September 2017

Sookee // INTERVIEW

by debate dehate

Sookee: Ich versuche einerseits nicht abzustumpfen und gleichzeitig auch nicht im Weltschmerz - und das meine ich ganz und gar nicht zynisch - zu ertrinken. Der Trick ist die Gleichzeitigkeit von Sensibilisierung und Desensibilisierung.

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1. Deine 3 Hashtags?

Sookee:

#nonazis

#ausnahmslos

#mortemundmakeup

2. Als Rapperin hast du dich nie gescheut Diskriminierung und Hass im Hip Hop zu benennen und zu kritisieren. Was hat sich in den Jahren getan?

 

Sookee: Mir geht es keineswegs um eine strikte Trennung nach „gut“ und „böse“, sondern um eine kontextbezogene Einschätzung von politischer Aussagekraft und daraus absehbarer Anschlussfähigkeit an bestimmte diskriminierende Ideologien. Ich bin kein Fan von Verurteilung. Ich freue mich über jeden Dialog und finde es absolut notwendig, dass Menschen ihren eigenen Raum für Entwicklung in ihrer eigenen Geschwindigkeit betreten. Aber wenn ich höre, wie durch das Mikrophon Sexismen skandiert werden, dann tut mir das einfach weh. Auch wenn es sich noch so sehr Humor oder Kunst nennt.

Zum Glück bin ich mit dieser Position nicht allein. Über die Jahre bin ich auf viele offene Ohren und Mitstreiter*innen gestoßen und habe selbst bei Anderen lernen und mich inspirieren lassen können. 

3. Gibt es Counter Hip Hop so wie Counter Speech?

Sookee: Selbstverständlich. Und zwar im Bezug auf alle möglichen Formen von Diskriminierungen. Einige sind sehr darin direkt, adressieren Hass und Abwertung direkt. Andere sind darin eher philosophisch-verklausuliert oder arbeiten mit Satire. Wieder Andere reclaimen bestimmte Images und Stile und verwenden sie konfrontativ gegen Aggressoren und istische Strukturen.

Im deutschsprachigen würde ich meine Ohren diesbezüglich unbedingt Artists wie Tice, Taiga Trece, Amewu, Neonschwarz, Jennifer Gegenläufer, Rana Esculenta, In.Flammen, Nazz und Ebow leihen

4. Viele behaupten Battletracks und dissen sind nicht wegzudenkende Bestandteile von Hip Hop. Was passiert wenn Hass als Teil einer Kultur gesehen wird?

Sookee: Dann ist man auf jeden Fall Minderheit in der eigenen Kultur. Dann ist es schwierig dagegen anzuargumentieren. Da ich niemandem etwas verbieten kann oder will, bleibt mir für meine Arbeit nichts anderes übrig, als mit meinem Gegenentwurf ein Angebot zu machen, dass dem Konzept von Battle entgegenläuft. 

Sicherlich ist Battle Rap nicht der Auslöser für Hass und Gewalt. Ich habe mir sogar vereinzelt glaubhaft versichern lassen, dass Battle Rap eine Art Kompensation für reale Gefühle von Frustration und Hass sein kann. Aber meistenteils hat Battle Rap keine konstruktiven Intentionen und ist anschlussfähig für Hass der als gesellschaftliche Gegebenheit das Leben von Menschen schwer macht. Mit diesem Umstand auch noch Geld zu verdienen, ist für mich absolut indiskutabel.

5. Was bedeutet digitale Zivilcourage für dich?

Sookee: Ich halte die Welt für keinen guten Ort. Es gibt nachvollziehbare Gründe sich aus allem rauszuhalten und das eigene Wohlbefinden zu schonen. Das wiederum hilft denen wenig, die sich für die aktive Auseinandersetzung mit der Gesellshaft entschieden haben. Digitalität ist Teil des sozialen Lebens vieler Menschen. Auch dort muss Solidarität stattfinden

6. Wie gehst du mit Hatespeech um?

Sookee: Ich versuche einerseits nicht abzustumpfen und gleichzeitig auch nicht im Weltschmerz – und das meine ich ganz und gar nicht zynisch – zu ertrinken. Der Trick ist die Gleichzeitigkeit von Sensibilisierung und Desensibilisierung. Humor und paradoxe Interventionen können auch helfen. Vor allem aber versuche ich für Freund*innen und Genoss*innen, da zu sein, wenn sie betroffen sind.

7. Was gibst du Betroffenen von Hass mit auf den Weg?

Sookee: Das gemeine am Leben ist, dass niemand weiß, wie lang es dauert. Es ist also keine leichte Aufgabe die eigenen Ressourcen, Kräfte und damit auch Aufmerksamkeiten zu kalkulieren. Nicht zuletzt deswegen ist es wichtig sich in gesundem Maße zur Wehr zu setzen, aber sich andererseits auch nicht zu stark davon aufsaugen zu lassen. Ich finde jede Strategie des Selbstschutzes, egal ob Zurückschimpfen, Anzeige erstatten, Rückzug wird intuitiv schon ganz richtig entschieden. In jedem Fall muss dem Hass die Macht geraubt werden, indem der eigene Selbstwert immer die zentrale Größe bleibt.

Interview geführt von der Debate//De:hate Redaktion

Mehr über Sookee: http://sookee.de/

Bild: Eylül Aslan

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