FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Narrative und ihre Wirkung

by debate dehate

Narrative sind langfristig wirkmächtig, stellen Zusammenhänge her und bieten Legitimationen für die eigene Weltsicht

Viele Märchen beginnen mit der Formulierung »Es war einmal …«, und häufig haben wir dies im Kopf, wenn von Erzählungen die Rede ist. Andere mögen an Schulliteratur und Überlieferungen denken, an Geschichten und Narrative, die nicht nur eine Handlung und Ereignisse beschreiben, sondern auch einen tieferen Sinn, eine Lehre vermitteln. Doch es gibt auch andere Erzählungen, solche, die nicht zwingend aufgeschrieben, aber dennoch für unser Leben und die Gesellschaft wirkmächtig sind. Gemeint sind Narrative, mit denen wir die Welt ordnen, erklären und die beschreiben, aus welchem Blickwinkel wir die Gesellschaft betrachten. Der Philosoph Jean-François Lyotard nennt solche Welterklärungen nicht umsonst die »Großen Erzählungen«. Solche Erzählungen wirken wie andere Erzählungen auch: Sie wecken Emotionen und können motivieren. Doch was, wenn derartige Narrative hauptsächlich Furcht, Ablehnung oder gar Hass wecken?.

Auch den gewalttätigen Ausschreitungen von Heidenau und Freital gegen Geflüchtete und ihre Unterstützer_innen im Sommer 2015 liegen Erzählungen zu Grunde. Im Zuge der steigenden Zahl von Asylsuchenden entstanden bundesweit mehr als 300 Facebook-Seiten mit dem Titel »Nein zum Heim« oder ähnlich, um gegen die örtlichen Flüchtlingsunterkünfte zu demonstrieren und Stimmung gegen die Neuankömmlinge zu machen. Mit ihrem starken lokalen Bezug und laienhaftem Auftreten gaben sie sich den Anschein, Organisationsplattformen einfacher besorgter Bürgerinnen und Bürger zu sein; einige der Seiten erreichten so mehrere Zehntausend Menschen mit rassistischer Stimmungsmache. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen gewalttätigen Übergriffen und den Gruppen konnte nicht generell belegt werden; doch ihr Beitrag zu einer insgesamt zunehmend aufgeheizten und aggressiven Stimmungslage gegen Geflüchtete liegt auf der Hand. Zwar wurde seitdem richtigerweise viel über Hass und Hetze im Netz diskutiert, doch bisher dabei wenig beachtet, was hinter vielen Formen von Hate Speech steckt bzw. diese motiviert: Narrative. Die Ablehnung einer bestimmten Menschengruppe steht meist nicht isoliert da, sondern ist begleitet von Erzählungen, die die Abwertung »erklären« und untermauern. Diese Erzählungen sind so zugeschnitten, das sie für das jeweilige Publikum wahr und richtig klingen und somit eine zusätzliche Motivation und Legitimation bieten. Narrative sind langfristig wirkmächtig, stellen Zusammenhänge her und können, wie im Fall der nachfolgend untersuchten, als toxisch für das gesellschaftliche Klima eingeordnet werden. Solche toxischen Narrative finden sich im Rechtsextremismus und Rechtspopulismus sowie in verschwörungstheoretischen Kontexten. Dies bedeutet nicht, dass all diese Narrative automatisch rechtsextrem oder rechtspopulistisch sind, sie ergänzen sich jedoch gut miteinander. Toxische Narrative sind sehr anschlussfähig und finden sich auch in anderen Teilen der Gesellschaft. Wer eine solche toxische Erzählung für wahr hält, muss nicht automatisch auch alle damit verknüpften Narrative glauben. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dies früher oder später geschieht. Daher gilt es, solche Narrative zu bearbeiten, sie zu dechiffrieren, auf ihren Kerngehalt zu untersuchen und einzuordnen, um ihnen fundiert und erfolgreich begegnen zu können. Der vorliegende Bericht soll dazu einen Beitrag leisten.

Warum benutzen wir den Begriff toxische Narrative?

Der Begriff der »toxic communication« (»giftige Kommunikation«) hat sich seit den 1960er Jahren im englischen Sprachraum etabliert. Daran anlehnend wird dieser Begriff auch in Deutschland genutzt, um sprachliches Verhalten zu bezeichnen, das seine Umgebung negativ beeinflusst. Wenn wir von toxischen Narrativen sprechen, so verweisen wir damit auf Erzählungen, die für solche Kommunikation die entsprechenden »Ereignisse« und Interpretationen liefert..

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren