FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR
Longreads, Publikationen 1. September 2017

Reisetagebuch

by debate dehate

Nhi Le ist für uns als Repräsentantin nach Bosnien Herzegowina zu einem Summer Seminar von EGAM- European Grassroots Antiracist Movement und dem Sarajevo Film Festival gefahren. Nhi Le hat ein kleines Reisetagebuch über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse vor Ort geführt.

Tag 1:

Der Tag startete mit einer Vorstellung EGAMs, der größten europäischen Organisation gegen Rassismus und für Demokratie. Jedes Jahr findet das Seminar parallel zum Sarajevo Film Festival statt. Auch das Festival hat einen politischen Anspruch, und zeigt Perspektiven aus unterschiedlichen Ländern auf. In den Workshops stellten wir unsere  Arbeit und unsere Organisationen vor. Mit dabei waren Aktivistinnen aus Frankreich, Russland, Griechenland, der Ukraine, Estland, Polen und der Türkei. Auch auf die jeweilige Lage in den Ländern und inwiefern Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung eine Rolle spielen, gingen wir ein. So, schwer die Situation teils auch sein mag, sind wir in einem Kreis sehr engagierter und motivierter Menschen. Interessant ist zum Beispiel der Ansatz von „SOS Racisme“ aus Frankreich welche bspw. Aufklärungsaktionen über Rassismus und Antisemitismus auf der Straße durchführen, im direkten Gespräch. Im weiteren Verlauf des Tages machten wir uns auf, um in einer Tour die Stadt zu erkunden. In Sarajevo ist man sehr stolz darauf, dass Kirchen, Moscheen und eine Synagoge innerhalb von 200m zusammen nebeneinanderstehen. Nachdem wir einiges über die Stadtgeschichte gelernt haben, machen wir uns auf den Weg zum Eröffnungsscreening. Der Spielfilm „The other Side of Hope“ behandelt das Schicksal eines syrischen Flüchtlings, der in Finnland versucht, ein neues Leben aufzubauen. Rassistische Attacken wie auch die harte Abschiebepraxis spiegeln die Realität und dennoch schafft es der Film auch durch humoristische Elemente zu glänzen.

Tag 2:

Heute beginnen wir mit einer Gruppenarbeit zu den Themen Nationalismus und Islamismus. Danach findet ein ganz besonderer Programmpunkt des Seminars statt mit dem Namen: „Window to the world“. Mit landestypischen Gerichten werden vier Gruppen von der Situation in ihrem Heimatland erzählen. Das Ganze wird als Picknick veranstaltet und soll öffentlich zugänglich sein. Wir designen die Flyer und Plakate für die Veranstaltung. Die russische Aktivistin wünscht sich, dass ihr Name nirgends erscheint, aus Angst vor Repression. Aus demselben Grund tritt die türkische Aktivistin kurzfristig von ihrer Session zurück. Sie möchte verständlicherweise nichts riskieren. Ich frage, wie die Aktivistinnen mit dem Druck umgehen. Als Board Member der polnischen Organisation „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“, der größten oppositionellen NGO ist sich die polnische Aktivistin sicher abgehört oder auf irgendeine andere Art und Weise überwacht zu werden. Zwar sei die Demokratie gefährdet, erzählt sie, aber Angst habe sie nicht. Auch ihre Familie wisse gut Bescheid und sei ebenfalls Mitglied der Organisation. Anders geht es A. aus Russland. Ihre Familie habe sie schon mehrmals gebeten, mit der Arbeit bei Memorial aufzuhören. Sie sei vorsichtig, aber nicht allzu besorgt. Für die Organisation selbst sind einige Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, um sich schützen zu können. Dass Engagement für Menschenrechte Risiken birgt, ist kein Geheimnis. Dennoch haben die Erzählungen für mich eine andere Dimension, da die polnischen sowie russischen Aktivistinnen stets mit Repression rechnen müssen. Das Essen ist bei all diesen Erzählungen zweitrangig geworden, auch wenn die Idee eines Picknicks mit Essen und Trinken aus allen Ländern der Beteiligten eine gute Idee gewesen ist.

 

Reisetagebuch

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Tag 3:

Heute erzählen Teilnehmende wie ihr Land mit der eigenen Geschichte umgeht. Wir schauen Kurzfilme über EGAMs Gedenkkultur-Arbeit. Der Schwerpunkt liegt auf Erinnerungskultur des Völkermordes an den Armeniern im osmanischen Reich, dem Genozid in Ruanda 1994 und dem Kampf um Würde für die Opfer des KZ Lety. Besonders letztgenannter Fall soll hier erwähnt werden, da die Amadeu Antonio Stiftung hier eng mit EGAM zusammengearbeitet hat. Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Lety wurde seit geraumer Zeit eine Schweinefarm betrieben. Mit Erfolg konnte der Protest die tschechischen Behörden davon überzeugen, die Farm vom Gelände zu verlegen.
Im Programm geht es danach weiter mit einem Interview mit den Dokumentarfilmer des Vortages. Ich darf die zuvor ausgearbeiteten Fragen der Gruppe an die Riahi-Brüder, die „Kinders“ gedreht haben und Rati Oneli, der bei „City of the sun“ Regie geführt hat, stellen. Danach stehen zwei weitere Screenings an. Ich möchte an dieser Stelle besonders den Film „No place for tears“ hervorheben. Nicht nur, dass nach zwei Tagen Festival auch endlich weibliche Protagonstinnen zu sehen sind. Das Werk stammt auch von Reyan Tuvi, die das alltägliche Leben kurdischer Kämpfer*innen in Kobanê dokumentiert hat. Wichtig war ihr zu zeigen, was Krieg mit Menschen macht. Ein gelungener Film mit starken Frauen.

 

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Tag 4:

Vor mir liegt der längste Tag des Seminars. Wir sind von 9 bis 23 Uhr fast pausenlos eingespannt. In der Diskussionsrunde stell der bosnische Parlamentarier Dennis Gratz seine Arbeit vor, versucht uns das politische System  seines Landes zu erklären und betont immer wieder, dass die Situation weit davon entfernt ist, rosig zu sein. Pragmatisch-kritisch geht er an seinen Alltag heran. Er gibt uns mit auf den Weg, dass egal wie kompliziert eine Situation scheint, das man sich im Engagement für Menschenrechte nicht leicht geschlagen geben darf und diese Arbeit Menschen hilft und etwas bedeutet.

Es folgt ein Vortrag von einem ehemaligen General im Bosnienkrieg. Um 22 Uhr startet der dritte und letzte Film des Abends und ist genau so großartig, wie vorgestellt. „Mr. Gay Syria“ folgt zwei schwulen syrischen Refugees auf ihrem Weg zum Mr. Gay Syria in Istanbul. Der Film soll für die Situation sensibilisieren. Gezeigt wird auch ein Aktivist, der mittlerweile in Berlin wohnt und durch die gesamte Doku hinweg, den Protagonisten zu helfen versucht. Nach der Vorführung stellt sich heraus, dass die Person die ganze Zeit neben uns gesessen hat. Ich nutze die Gelegenheit des Q&A, um zu fragen, ob es ihm in Berlin gefällt. Er verneint und schaut dabei zerknirscht. Die Regisseurin Ayse Toprak wiederum hofft, dass der Film nach der Festivaltour in Berlin gezeigt werden kann. Ich hoffe ebenso und versichere ihr, im Falle eines Screenings den Film weiterzuempfehlen.

 

 

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Abreisetag

Die anderen Teilnehmenden werden noch vier weitere Tage in Sarajevo sein, für mich geht es aus terminlichen Gründen schon vorzeitig nach Hause. Schade, denn heute wäre es um Hatespeech und Fakenews gegangen.
Dennoch schätze ich es sehr, unterschiedlichste persönlichen Perspektiven auf  Engagement und über die Situation in den jeweiligen Ländern gehört zu haben. Ich habe viel von den Gesprächen und Begegnungen mit den anderen Aktivistinnen mitgenommen und danke EGAM für die Ermöglichung dieser Begegnungen. Auch die Filmauswahl gefiel mir sehr. Sarajevo selbst habe ich in der kurzen Zeit als sehr herzliche Stadt kennengelernt.

Gastautorin: Nhi Le

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