FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Nhi Le // INTERVIEW

by debate dehate

Nhi Le: Ich würde mir wünschen, dass Hate Speech nicht als isoliertes Phänomen betrachtet wird.

Heute stellen wir euch Nhi Le vor, eine Bloggerin und Poetryslammerin aus Leipzig. Wir haben mit ihr über Poetryslams als Ausdrucksform und Teil von Debattenkultur, gesprochen. Dabei nützt sie ihre Stimme und das Geschick mit Worten, um Rassismus und Sexismus zu kritisieren.

1. Wie engagierst du dich im Netz?

Auf meinem Blog schreibe ich über politische Themen wie Feminismus und Anti-Rassismus. Ich bin bei Twitter aktiv, um nah am Geschehen zu sein und moderiere bei Jäger&Sammler.

2. Was bedeutet digitale Zivilcourage für dich?

Nhi Le: Dadurch, dass das Netz ein Ort ist, an dem alle alles sagen dürfen, gibt es dort auch ziemlich viel Menschenfeindlichkeit. Digitale Zivilcourage bedeutet für mich, das nicht unkommentiert zu lassen – nicht nur im übertragenen Sinne. Darüber hinaus können (und sollten) eigene Plattformen dafür genutzt werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen oder „etwas geradezurücken“.

3. Wie gehst du mit Hatespeech um?

Nhi Le: Das ist ganz unterschiedlich. Oftmals habe ich einfach viel gelöscht und geblockt, damit ich es nicht mehr sehen muss. Geht es um meine Arbeit auf Plattformen, die ich nicht betreue, dann lasse ich von Freund*innen durch die Kommentare schauen und sie etwas melden, um mich dem nicht extra auszusetzen. Wenn ich den Elan dazu habe, dann setze ich den Kommentaren etwas entgegen. So würde ich es gerne öfters handhaben, aber ich hab nicht immer den Kopf dazu.

4. Siehst du Poetry Slams auch als eine Form des Aktivismus an bzw. inwiefern können diese zu einer Debattenkultur positiv beitragen?

Nhi Le: Beim Slam ist jede Art von Text erlaubt, hauptsache selbst geschrieben. Ich persönlich entscheide mich meist dazu, mit persönlichen Texten aufzutreten, die auch oft einen politischen Hintergrund haben. Slam bedeutet für mich Empowerment in zwei Richtungen. Ich kann auf der Bühne stehen und darüber sprechen, was mich beschäftigt, gleichzeitig erreiche ich für sechs Minuten lang ein Publikum. Wenn ich nur ein paar Leuten, die zuhören, etwas mit auf den Weg geben kann, dann bedeutet mir das schon viel. Ich habe z.B. einen Text gegen Catcalling. Indem ich über solche Dinge spreche, kann ich Leuten mit ähnlichen Erlebnissen klarmachen, dass sie damit nicht alleine und nicht schuldig sind. Jede*r Slammer*in kann selbst entscheiden, wofür man auf der Bühne steht. Mir geben eben die genannten Gründe viel.
Dadurch, dass man auf Slams bestenfalls das Publikum erreicht, sei es auf unterhaltende oder nachdenkliche Art und Weise, kann schon etwas zur Debattenkultur beigetragen werden. Das können Denkanstöße sein, die jemand für sich mitnimmt oder angeregte Diskussionen, die auf Basis eines gehörten Textes stattfinden. Hinzu kommen Gespräche mit den Auftretenden selbst, aber natürlich auch unter Slammer*innen.

5. What keeps you going? Was spornt dich an weiterzumachen?

Nhi Le: Mich spornen vor allem zwei Dinge an: Ich habe einfach so viele Ideen im Kopf und die Umsetzung hilft mir, mich mit Problemen auseinanderzusetzen. Ich will nicht, dass meine Arbeit davon bestimmt wird, wie viel Angst ich vor Hate Speech haben muss. Hinzu kommt, dass ich sei es mit dem Blog oder Slam, Menschen erreichen und ermutigen kann.

6. Deine Zukunftsvision für ein Umgang miteinander im Netz…

Nhi Le: Ich würde mir wünschen, dass Hate Speech nicht als isoliertes Phänomen betrachtet wird. Ich habe das Gefühl, dass oftmals die Sichtweise herrscht, dass Kommentarspalten plötzlich voller Hass waren. Dass Hate Speech und Rechtspopulismus oftmals Hand in Hand gehen, wird nicht gesehen. Ich wünsche mir, dass das mehr Menschen klar wird und sich dann auch auf die Achtsamkeit im Onlineverhalten auswirkt.
Hinzu kommt, dass soziale Medien endlich mehr Verantwortung zeigen müssen. Betroffene von Hate Speech werden im Stich gelassen, in dem bspw. Angriffe nicht gelöscht werden. Hier gibt es viel aufzuholen.

Interview geführt von der Debate//De:hate Redaktion

Bild: Tom Thiele

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