FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR
Allgemein, Longreads 24. März 2017

Memes – eine Einführung

by debate dehate

Meme – Konzepte in Form von Links, Bild-, Ton- oder Videodateien, die sich schnell über das Internet verbreiten1 – spielen eine große Rolle in einem öffentlichen Klima, das zunehmend digital geprägt ist. Sie beein ussen den Prozess der Meinungsbildung, besonders für die sogenannten Digital Natives, also jüngere Nutzer_innen, die mit dem Social Web als Alltagsmedium aufwachsen. Dies merkt man daran, dass inzwischen jedes große öffentliche Weltereignis von einem Strom von Memen begleitet wird.

Ein Großteil fungiert als Unterhaltungscontent, wobei LOLcats (Katzenmeme) gefühlt 99% aller Meme ausmachen. Als moderne Ausdruckform von Meinungen spiegeln sie die dynamische Welt der Onlinekommunikation wieder: Sie sind bunt, anarchisch, sehr visuell, ultra-aktuell, kreativ, lustig, innovativ und im Zustand des ständigen Kontextbruchs. Sie sammeln aktuelle Emotionen ein, wecken Sehnsucht und schaffen Intimität, indem sie emotionalisiert und personalisiert sind. Wie Schneebälle integrieren sie immer neuen Klatsch und Ereignisse des Weltgeschehens, und man kann sie nur verstehen und darüber lachen, wenn man regelmäßig und ausgiebig Medien nutzt. Dadurch gelten sie als modern, als cool und als harmlos.

In diesem Bild wird eine Figur der Erfolgs­serie »Game of Thrones« als Grundlage für eine rassenideologische Botschaft missbraucht.

Quelle: http://sociobiologicalmusings.blogspot.de/2011/10/pro- blems-with-mixed-race-marriages-and.html, abgerufen am 1.12.2016 Urheber: unbekannt Ursprungsbild: HBO/Time Warner
Quelle: http://sociobiologicalmusings.blogspot.de/2011/10/pro- blems-with-mixed-race-marriages-and.html,
abgerufen am 1.12.2016
Urheber: unbekannt
Ursprungsbild: HBO/Time Warnere Botschaft miss­braucht.

In den letzten Jahren häufen sich gleichzeitig auch ernstere, sozialkritische Memgruppen, die gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und verarbeiten. So transportieren sie politische Bot- schaften und Ideen und spiegeln den gesamtgesellschaftlichen Meinungskampf. In ihrem Funktionsspektrum decken sie Hinweise auf korrektes bürgerschaftliches Verhalten und durch Ironie vermittelte soziale und politische Kritik ebenso ab wie individuelle Positionierungen zu sozialen und aktivistischen Themen.

2015 entstand mit der großen Mediendebatte um die Flüchtlinge in Deutschland ein Scheinwerferthema, das nun die politische Dimension von Netzdebatten gesamtgesellschaftlich sichtbar werden lässt. Auf einmal geht es um Stimmungsmache, Fremdenfeindlichkeit bzw. Rassismus, Hetze gegen Ausländer, brennende Asylbewerber_innenheime und andererseits zivilgesellschaftliche Hilfsinitiativen und eine gesellschaftliche Debatte über mehr Willkommenskultur. Deutschland im Krisenzustand.

Quelle: http://www.kareneliot.de/socialexperiments.html, abgerufen am 16.12.2016, Urheber Bild: Tabatha & Bryan Bundesen
Quelle: http://www.kareneliot.de/socialexperiments.html, abgerufen am 16.12.2016, Urheber Bild: Tabatha & Bryan Bundesen

Solche Krisenzeiten bieten Nährboden für Populismus. Rechtsextreme Gruppierungen werben intensiv im Social Web um eine neue Anhängerschaft. Als besonders subtile Strategie nutzen sie vermeintlich humoristische Contentformen, um radikales Gedankengut zu verbreiten. Digital Natives und politisch nicht gefestigte Nutzer_innengruppen sollen durch solche Beiträge an rechtsradikale Gesinnungen herangeführt und zur Solidarisierung verführt werden.

Durch ihr Spaßimage sind ideologisch aufgeladene Meme auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar, weil sie popkulturelle Anleihen und die gleiche Ästhetik nutzen. Dadurch gelangen sie bis in die apolitischen Filterblasen2 junger Social Media Nutzer_innen. Wo aber hört Satire auf und fängt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit3 an?

Online-Meme sind Schlüsselkomponenten der modernen Netzkommunikation. Sie sind un- verkennbare Marken, geschaffen durch einzelne Personen und zum Hype verarbeitet von Tausenden, manchmal Millionen. Entwickelt haben sie sich in dem spielerisch ungezwunge- nen Rahmen des frühen Webs, quasi als kommunikative Feldversuche der ersten Internet- nutzer – inzwischen werden aber auch gesellschaftlich relevante Anliegen und Meinungen über solche Ausdrucksformen verhandelt.

Mit neu entdeckter Lust an Kreativität und an der Mitgestaltung von Diskursen in den öffentlichen Räumen des Social Webs werden Meme kreiert, geteilt, kreativ bearbeitet, weiterverbreitet und kommentiert. Sie übernehmen als neuartige Ausdrucks- und Artikulationsform bestimmte Funktionen in alltäglichen Kommunikationsprozessen.

1  Definiton nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Internetph%C3%A4nomen

2  Soziale Medien sind nicht nur Orte, an denen sich Menschen vernetzen, sondern auch gebündelte Nachrichtenkanäle. Die Algorithmen zur Auswahl der in Sozialen Netzwerken angebotenen Informationen legen die bisherigen Interessen der User_innen zugrunde. Durch die daraus resultierende Ausblendung konträrer oder alternativer Informationen wird so das eigene Weltbild immer stärker verfestigt, und es entstehen »Filterblasen« oder »Echokammern«, in denen User_innen gegenseitig ihre Meinung bestärken. (Anm. d. Red.)

    1. 2  Soziale Medien sind nicht nur Orte, an denen sich Menschen vernetzen, sondern auch gebündelte Nachrichtenkanäle. Die Algorithmen zur Auswahl der in Sozialen Netzwerken angebotenen Informationen legen die bisherigen Interes- sen der User_innen zugrunde. Durch die daraus resultierende Ausblendung konträrer oder alternativer Informatio- nen wird so das eigene Weltbild immer stärker verfestigt, und es entstehen »Filterblasen« oder »Echokammern«, in denen User_innen gegenseitig ihre Meinung bestärken. (Anm. d. Red.)
    2. 3  Unter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird eine generalisierte Abwertung von Gruppen verstanden, die im Kern von einer Ideologie der Ungleichwertigkeit bestimmt ist. Dazu zählen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, An- tisemitismus, Islamfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie sowie weitere denkbare Adressatengruppen wie Sinti und Roma. De niton nach: Zick, Andreas; Küpper, Beate; Hövermann, Andreas: Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), 2011.

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