FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Lolitics? Meme und politische Botschaften

by debate dehate

Symbolische Partizipation

Soweit, so gut. Aber taugen Meme zur Verbreitung politischer Ansichten? Welchen Mehrwert und welche Risiken bringt die Verfechtung zwischen politischen Themen und popkultureller Symbolik mit sich? Ein Terminus aus der Netzfolklore bringt diese Vermischung gut zum Ausdruck: »LOLitics«.

Witze über Politik gab es lange vor digitalen Bildermemen. Als Teil des Privatlebens waren sie Ausdruck von Meinungen und zielten darauf ab, die etablierte Ordnung zu untergraben. Es gibt jedoch zwei wichtige Unterschiede zwischen der alten und der neuen Form. In der digitalen Ära nützen sie der performativen Zurschaustellung von Meinungen, wodurch politische Meme zu einem Teil des öffentlichen Meinungsbildes geworden sind. Es handelt sich bei memetischen Handlungspraxen (der Kreation, Bearbeitung, dem Teilen und Kommentieren von Memen) jedoch nicht um eine unkonventionelle Form der politischen Partizipation. Vielmehr repräsentieren sie im Sinne einer postmaterialistischen Werteorientierung moderner Gesellschaften einen Akt der symbolischen Partizipation, durch die eine kritische Haltung gegenüber politischen Systemen zum Ausdruck kommt. Der Grad an politischem Involvement bleibt niedrig, das Aktivierungsniveau flach. Als artikulierte Meinungen zu gesellschaftsrelevanten Themen tragen politische Meme jedoch zu normativen Debatten im Prozess der politischen Meinungsbildung bei. Sie sind streng genommen kein Teil der klassischen politischen Debatte, bringen aber mit den Mitteln der Satire, des Spotts und durch emotionalisierte Kommentare Stimmungen zum Ausdruck und knüpfen so durchaus an Formen klassischer politischer Debatten an. Sie greifen Aspekte solcher Debatten auf und verwerten sie mit den Mitteln kreativer Assoziation. Man kann sie darum durchaus als Karikaturen 2.0 bezeichnen – nutzungsgenerierte politische Satire, die wie im Falle der »Merkelraute« von der konventionellen Berichterstattung mitunter aufgegriffen wird und damit Relevanz in der massenmedialen Debatte erlangt.

Während verbale Witze aus prädigitaler Zeit sich primär innerhalb eines kleinen Kreises Gleichgesinnter ausbreiteten, werden sozialkritische Internet-Meme dank der Netzarchitektur aus Daten und Metadaten in einer Art Memverbund gebündelt. Dies ist der zweite Unterschied: Vertreter_innen einer bestimmten Einstellung kommen nun auch mit den Gegenstimmen in Berührung. Zwar gilt dies für Printkarikaturen genau so, aber das Web ermöglicht unmittelbare Reaktionen via Rückkanäle. Potenziell kann dadurch eine »Debatte« in Gang kommen. Shifman beschreibt die Memosphäre deshalb als einen Treffpunkt für verfeindete Lager innerhalb diskursiver Prozesse, der viele Stimmen zulässt.

Bedenklicher Grad an Vereinfachung

Im Hinblick auf rechtsextreme Propaganda im Netz liegt aber genau hier die Fallgrube. Denn es besteht eine Ähnlichkeit zwischen der Struktur rechtsradikaler Narrative und der Funktionslogik von Memen. Die Ästhetik von Internet-Memen hat sich vor allem durch strukturelle Bedingungen innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie (kurz, leicht erfassbar, polarisierend) und der postmodernen Logik der Partizipation (Verschmelzen von Sender- und Empfängerrollen) entwickelt. Rechtsextreme Narrative sind überspitzte, emotionalisierte Meinungsfragmente, Aussagen über bestimmte Menschen oder Ereignisse bis hin zu politischen, ideologischen oder dogmatischen Generalbehauptungen. Strategien rechtradikaler Gruppierungen im Social Web setzen auf kurze, prägnante Statements, auf Vereinfachung und den Versuch, komplexe Sachverhalte zu einfachen Erklärungen herunter zu brechen. Oft setzen sie an der Individualebene an durch die Verbreitung persönlicher Geschichten mit alltäglichen, lebensweltlichen Akzenten. Erlebtes und Gehörtes wird zu scheinbaren Zusammenhängen verwoben, dazu werden frisierte Zahlen und Statistiken präsentiert. Popkulturelle Elemente aus bereits vorhandenen Memen werden als Vehikel für Versatzstücke rechtsextremer Weltsicht missbraucht und voneinander unabhängige Themen durch normativ gefärbte Beschreibungen miteinander verknüpft. Dabei erstreckt sich die Gesamtheit rechtsradikaler Narrative über ein weites Themenspektrum: Es gibt Narrative gegen kulturelle Verödung, Narrative der Entfremdung im eigenen Land, Narrative vom deutschen Wesen und dem Feind des Deutschen, Narrative gegen Identitäts- und Geschichtsverlust, vom Verfall und der Entsittlichung.

Aber dieser Wunsch nach radikaler Vereinfachung ist die Basis des Netzhasses, konstatiert Sascha Lobo. »Raus, weg, anzünden – schlichter geht es nicht«24. In einem derart polaren Weltbild beginne Vereinfachung mit Bekenntnissen statt Diskussionen; Grauwerte, Verhandlungen und Kompromisse seien nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Stattdessen dominieren klar definierte Feindbilder und eine brachiale »like-oder-dislike«-Dialektik, durch die ihre Anhänger_innen das Gefühl eines Zusammenhalts erfahren. Mit anderen Worten: diese Technik eines bedenklichen Grades an Vereinfachung politischer Themen nutzt die Af nität bestimmter Nutzer_innensegmente für Klicktivismus geschickt aus. Komplexe Themen werden vermeintlich einfach erklärt – die Folge sind undifferenzierte Solidarisierungsprozesse und als Konsequenz das gefühlte Abdriften eines ganzen sozialen Netzwerkes nach rechts. Wie konnte das geschehen?

Sowohl rechtsextreme Narrative als auch politische Meme wirken polarisierend. Unterhaltung im Social Web funktioniert ganz wesentlich über krasse, kurze Reize und die Kollision von Mei- nungen. Nazipropaganda ist so erfolgreich im Netz, weil sie sich diesen Bedingungen angepasst hat. Der Umgangston ist mitunter rau und der Weg hin zu einem gesellschaftlich akzeptierten Maß an Nettiquette steinig. Ulrich Dovermann von der Bundeszentrale für politische Bildung untersucht extremistische Narrative und deren Rolle im Prozess der Radikalisierung von Debatten25. Die Radikalisierung einer Debatte passiert dann, wenn auf emotionale, menschenverachtende Statements mit ebenso emotionalisierten Gegen-Narrativen gekontert wird. In der Folge wird die Sprache brutaler, die Bilder werden hässlicher, und die Bereitschaft, andere zu verletzen, steigt. Das Eskalationspotenzial von Netzdebatten gründet neben dem ungezwungenen Duktus auch in der persönlichen Öffentlichkeit26 sozialer Netzwerke, die im Vergleich zur massenmedialen Öffentlichkeit stärker gruppenbezogen ist und vermeintlich (!) keine gesamtgesellschaftliche Tragweite besitzt. Manche Menschen fühlen sich in diesem kommunikativen Rahmen sicher, so sicher, dass sie inzwischen Hasskommentare unter ihren Klarnamen veröffentlichen, weil sie sich unter Gleichgesinnten wähnen. Darum zielt die Propaganda auf einer subtileren Ebene auf eine Solidarisierung mit extremistischem Gedankengut über empathieauslösende Einzelschicksale. Es gibt bestimmte Einstiegsthemen, mit denen neue Mitglieder »geangelt« werden: Tierschutz, Kinderschutz, Heimatschutz und Nationale Identität sprechen die Angst der Menschen vor Veränderung, vor dem Fremden, vor Gewalt, vor sozialem Abstieg an, aber auch ein vielleicht vermisstes Gemeinschaftsgefühl.

Narrative nehmen innerhalb ideologischer Gruppen Funktionen der Orientierung und Identitätsarbeit ein. Sie schaffen damit »eine eigentümliche, verstehbare und gemeinsame Handlungs- und Begründungswelt« für die gruppenspezifischen politischen Ambitionen. Darum sind Narrative nach innen effektive Hilfsmittel, um die Ideologie durch Polarisierung, Politisierung und meinungsbildende Besetzung gesellschaftlicher Aufregerthemen zu stützen und zu füttern. Im Kontext der Flüchtlingsdebatte kursieren viele Falschmeldungen über randalierende, plündernde Aslybewerber_innen, die zur gezielten Desinformation gestreut werden. Die Polizei Sachsen sah sich im September gezwungen, eine Klarstellung zu veröffentlichen, und warnte darin vor unbelegten Falschmeldungen. Auch Berichte über Finder von Geld- und Wertgegenständen, die »zufällig« alle Aslybewerber_innen sind, kursieren vermehrt. Mit solchen Falschmeldungen soll ein latenter Kriminalitätsvorwurf gegenüber Flüchtlingen gesät werden, zudem aber auch die Glaubwürdigkeit echter Meldungen in Frage gestellt und Misstrauen gegenüber den Medien (»Lügenpresse«) gesät werden. Bei dieser Problematik geht es um die Authentizität von Netzquellen im Allgemeinen, von der Online-Meme als meinungsbetonte Darstellungsformen ebenso betroffen sind. Die »Initiative Erst denken, dann Klicken« des Vereins mimikama.at versucht gezielt, die Authentizität von Netzinformationen zu prüfen und über Desinformationskampagnen aufzuklären. Im Hinblick auf die Vertrauenswürdigkeit von Informationen im Netz haben die Kriterien Viralität und Qualität dabei ein dysfunktionales Verhältnis. Metainformationen (Sehgewohnheiten, Klickzahlen und Reaktionen anderer Nutzer_innen) sind keine Gütekriterien für Informationen, werden von User_innen aber unbewusst als solche wahrgenommen. Denn: wenn andere, aus dem sozialen Kreis stammende User_innen die Information schon geteilt haben, muss ja irgendetwas dran sein. Das stimmt aber eben nicht. In puncto Authentizität von Netzquellen besteht deshalb ein großer Nachholbedarf an Medienkompetenzvermittlung.

Im Hinblick auf rechtsradikale Meme gibt es sehr unterschiedliche Kategorien. Natürlich gibt es Meme in »klassischer« Nazi-Symbolik (einschlägige Zahlenkombinationen, faschistische Ästhetik in rot-weiß-schwarz, mit germanischen Gottheiten usw.). Weniger schnell durchschaubar sind allerdings popkulturelle Symbole, die sich bspw. das Nipstertum (Wortspiel aus Hipster und Nazi) zu eigen macht. Heraus kommt eine absurde Mischung aus Mode und Propaganda, aus Naturfotografie und Hetzparolen und sowohl weltoffenen als auch extrem nationalistischen Inhalten. Indem das Nipstertum neue Themenfelder besetzt, die die Jugend interessieren, und dies in entsprechenden Kanälen demonstriert, muss hier schon genauer auf den Kontext geachtet werden.

Rechte Meme:

Quelle: http://starecat.com/content/wp-content/uploads/go- to-war-zone-leave-women-and-children-in-safe-country-go-to- safe-country-leave-women-and-children-in-war-zone.jpg, abgerufen am 7.11.2016. Urheber: Reddit-Nutzer ZombineTM
Quelle: http://starecat.com/content/wp-content/uploads/go- to-war-zone-leave-women-and-children-in-safe-country-go-to- safe-country-leave-women-and-children-in-war-zone.jpg, abgerufen am 7.11.2016. Urheber: Reddit-Nutzer ZombineTM

Hetze gegen Flüchtlinge:

Die Darstellung von Flüchtlingen als Feiglinge und Nutznießer greift im

Moment im Social Web vermehrt um sich.

Quelle: http://1.bp.blogspot.com/ylASNhLOVivE/VLVTdy6jOLI/AAAAAAAACOY/suOGwFffjBO/s1600/JeSuisCharlieMartel.jpg, abgerufen am 7.11.2016
Quelle: http://1.bp.blogspot.com/ylASNhLOVivE/VLVTdy6jOLI/AAAAAAAACOY/suOGwFffjBO/s1600/JeSuisCharlieMartel.jpg, abgerufen am 7.11.2016

Umgedrehte Botschaften:

Als Solidaritätsbekundung mit den bei einem islamistisch getöteten Terroranschlag getöteten Journalisten in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo ging das Mem »Je suis Charlie« um die Welt. Die Identitäre Bewegung nutzt das Mem zur Solidarisierung mit dem zum Retter des christlichen Abendlandes und Bezwinger der islamischen Invasoren stilisierten Heerführer Karl Martell.

Quelle: https://i.ytimg.com/vi/wZ- vQXxfsJiQ/maxresdefault.jpg, abgerufen am 9.12.16 Urheber: unbekannt
Quelle: https://i.ytimg.com/vi/wZ- vQXxfsJiQ/maxresdefault.jpg, abgerufen am 9.12.16
Urheber: unbekannt

Heidnische Gottheiten:

Die klassischen von Neonazis verwendeten Motive und Symbole stammen aus Götter­ und Heldensagen der germanischen (heidnischen) Mythologie und beschwören durch Figuren wie Thor den Kampfgeist der vermeintlichen Beschützer des Volkes.

Volk und Vaterland:

Dies sind nationalistische, gegen Gender Mainstreaming gerichtete Meme, die Nationalstolz und traditionelle Geschlechterrollen propagieren.

Quelle: http://www.fussball-gegen-nazis.de/ les/styles/ngn_teaser/public/2015-08-04-volkstod.jpg, abgerufen am 9.12.1996. Urheber: unbekannt
Quelle: http://www.fussball-gegen-nazis.de/ les/styles/ngn_teaser/public/2015-08-04-volkstod.jpg, abgerufen am 9.12.1996. Urheber: unbekannt

Quelle: http://www.barenakedislam.com/wp-content/ uploads/2014/07/Burkaverbot-394.jpg, abgerufen am 9.12.1996 Urheber: Manfred Haimbuchner
Quelle: http://www.barenakedislam.com/wp-content/ uploads/2014/07/Burkaverbot-394.jpg,
abgerufen am 9.12.1996
Urheber: Manfred Haimbuchner

Bild:

 

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/politik-gesellschaft/trump-meme-buzzfeed-broderick-100.html

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren