FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Pädagogische Anwendungshorizonte:

by debate dehate

Teil einer funktionierenden demokratischen Kultur ist das Aushandeln grundlegender Positionen. Zur Findung eines gesellschaftlichen Konsens, einer Mehrheitsmeinung zum Beispiel darüber, wie die deutsche Gesellschaft in Zukunft mit Zuwanderung und Multikulturalität umgehen will, müssen ideologische Ansichten miteinander verglichen und immer wieder ausdiskutiert werden. Sozialkritische und politische Meme haben in der Anfangsphase von Debatten darum durchaus ihre Daseinsberechtigung, weil sie das existierende Meinungsspektrum zu einem Thema sichtbar abbilden. Im Grunde ist jedes sozialkritische Meme ein Narrativ, weil es eine bestimmte politische Problematik normativ bestückt. Demzufolge lassen sich Gegennarrative als Gegenmeme begrei- fen, als alternative Denkweisen zum selben Problem. Weder über Meme noch über Narrative lassen sich komplexe politische Sachverhalte, politische Einstellungen und Weltanschauungen in angemessener Tiefe transportieren. Eher stellen sie Nachrichten- und Ideenfragmente dar, die ein bestimmtes Thema in einem Bezugsrahmen stellen. Darum eignen sie sich als unkonventioneller Einstieg in politische Themenfelder, die den Lernstoff auflockern können.

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Zudem besitzen sozialkritische Meme als Ausdrucksform durch ihre Hybridform zwischen Spaßformat und aktueller Schlagzeile ein außerordentliches Diffusionspotenzial im Social Web. Dies bedeutet, dass sie mitunter Nutzer_innensegmente erreichen, die von politischen Informationen aufgrund von Filtermechanismen nicht erreicht werden oder die diese aus purem politischem Desinteresse gezielt umschiffen. In diesem Fall nehmen Internet-Meme die Rolle des Erstkontaktes mit politischen Themen ein. Karsten Schmehl und Duygu Gezen, damals Volontäre bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, nutzten diesen Ansatz und riefen im September 2014 ein Mem-Journal auf Facebook ins Leben: »Nachrichten mit Memegrationshintergrund«.28 Zugrunde liegt dem die Idee, Nachrichten des aktuellen Weltgeschehens mit Aufmachern in Meme-Optik und einer Distribution auf Social Media-Kanälen einem jungen Publikum zu präsentieren. Verlinkt sind die Beiträge jeweils mit einem oder mehreren Artikeln oder Videobeiträgen auf Nachrichtenwebseiten. In erster Linie bedienen sich die Macher dieses Journals der klassischen Ästhetik von Bild-Makros. Dies ist nicht das einzige Format, um Jugendliche an Nachrichten heranzuführen. Deutschlands erfolgreichster YouTube-Star LeFloid kommentiert ebenfalls aktuelles Weltgeschehen und versteht sich als Plattform, um junge Leute an Nachrichten heranzuführen. Viele Jugendliche nutzen sein Format allerdings als Nachrichtenquelle. Diese Nutzung lässt sich auch für Satireformate wie die »heute-show« des ZDF beobachten. Hier stellt sich die Frage, was für Konsequenzen eine Information über vorwiegend meinungsbetonte Nachrichtenquellen und Satireformate für das politische Verständnis von Schüler_innen hat. Ein weiterer Mehrwert liegt in dem Engagement, mit dem netzaffine Menschen sich mit Memen als kreativem Spaßcontent beschäftigen. Sie führen Webnutzer_innen an Debatten darüber heran, wie die Welt ist und wie sie idealerweise aussehen sollte, und tragen zur Entwicklung einer eige- nen diskursiven Sprache in den Kommunikationsräumen der modernen Netzwelt bei. Zu dieser Sprache müssen wir gemeinsam finden. In diesem Prozess besteht die Aufgabe der Erwachsenen darin, für eine gelungene Medienkompetenzvermittlung ihre »Medienangst reloaded« zu überwinden, mahnt die Kommunikationswissenschaftlerin Julia Schönborn.29 Hinsichtlich unserer Medienensembles leben Elterngenerationen und ihre Kinder heute in völlig verschiedenen Welten. Jedoch werden Dichotomien wie online-offline und real-virtuell und die fortwährende latente Priorisierung des »echten Lebens« der Lebenswirklichkeit junger Digital Natives nicht gerecht. Denn aus dem in unseren Köpfen verankerten Primat des Natürlichen leitet die Erwachsenenlogik eine Abwertung digitaler Kommunikation ab. »Wenn wir das Online-Leben als künstlich und damit als niedriger wertig ansehen, nehmen wir auch das, was wir online tun, als künstlich, als nicht-real wahr.« Jedoch ist der Einfluss, den wir online aufeinander haben, real. Statt Kindern den Medienzugang zu beschränken, schlägt sie »Digital Caring« vor, die Besinnung auf und Vermittlung von Regeln des Miteinanders auch in der Online-Kommunikation. Gleichzeitig müssen sich beide Seiten helfen – die Kinder den Erwachsenen, mit neuen Kommunikationstechnologien Frieden zu schließen, und die Erwachsenen den Kindern mit der Vermittlung ethischer Grundsätze, die ohne Ausnahme in allen Kanälen geltend gemacht werden müssen. Das bedeutet auch die Anerkennung von Memen als digitale Ausdrucksformen und gleichzeitig ihre kritische Prüfung.

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Im medienpädagogischen Kontext lässt sich ist die kreative Komponente von Memen gut aus- nutzen. Voraussetzung ist aber neben ethischen Aspekten die Sensibilisierung für Möglichkeiten und Grenzen politischer Satire. Welche Netzformate gibt es, wie meinungs- oder faktenorientiert sind sie jeweils, und wo lassen sich Meme in dieser Bandbreite einordnen? Zusätzlich müssen Schüler_innen aufgeklärt werden über Online-Strategien rechtsradikaler Gruppierungen, über die popkulturellen Symbole, Sprachfragmente und Meme-Ästhetik, derer sich solche Gruppen bedienen.

Die Kombination beider Wissenskomponenten bietet Anlass für interessante
Schüler_innenprojekte. Besprechen Sie Möglichkeiten und Grenzen von Humor. Wie sollte zum Beispiel Satire der Person Hitler eingeordnet werden? Sind LOLcats mit dem Namen »Meowdolf Kitler« und schwarz- weißer Fellzeichnung mit angedeutetem Oberlippenbart lustig oder geschmacklos? Was machen Satireinhalte (Hitler reacts-Mem, Hipster-Hitler) mit den Ansichten von Schüler_innen über die Person Hitler?

Lassen Sie Schüler_innen verdächtige oder interessante Meme mit sozialkritischem Kontext aus ihren Facebook-Timelines sammeln und vorstellen. Diskutieren sie darüber mit der Klasse und ermutigen Sie Schüler_innen zur Memkreation und zur Gründung von Initiativen wie »Katzen gegen Glatzen«. Besprechen Sie Meme zu aktuellen politischen Entwicklungen. Behandeln sie das Mem wie eine historische Quelle (Karikatur) und lassen sie es als Zeitzeugnis analysieren. Stellen Sie als Hausaufgabe Überlegungen zu einem bestimmten Thema, geronnen in ein Meme. Es sind alltägliche Medieninhalte mit persuasivem Potenzial, die als solche auch beachtet und besprochen werden sollten.

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren