FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Netzkultur: Verstehen & pädagogisch einbinden

by debate dehate

Verstehen statt Nachahmen

Quelle: https://cdn.meme.am/instances/500x/64111133.jpg, abgerufen am 7.11.2016 Urheber Bild: Yousuf Karsh
Quelle: https://cdn.meme.am/instances/500x/64111133.jpg, abgerufen am 7.11.2016
Urheber Bild: Yousuf Karsh

Hans Sarpei ist eigentlich Fußballer. Er war Bundesliga-Spieler, bis er 2012 seine Karriere bei Schalke 04 beendete. Hans Sarpei ist in Deutschland aber auch zu einem Internet-Star geworden. Mit Sprüchen wie »Hans Sarpei bringt Zwiebeln zum Weinen« oder »Hans Sarpei kann mit zwei Fingern drei Bier bestellen« gab es einen Hype um seine Person, die durch absurde, ironische Übersteigerungen witzig wurde. Jeder konnte sich entsprechende »Hans-Sarpei-Fakten« überlegen, und die besten fanden große Verbreitung im Netz und auch darüber hinaus.

Dass dieses Prinzip im Netz so populär ist, hat jedoch wenig mit Hans Sarpei, sondern vielmehr mit dem Action-Schauspieler Chuck Norris zu tun. Chuck Norris Facts sind seit Mitte der 2000er Jahre ein populäres Phänomen, welches ironisch und übersteigert das Können, die Männlichkeit und Stärke seiner Figuren hervorhebt: »Chuck Norris hat bis Unendlich gezählt – zweimal.« Oder: »Als Alexander Bell das Telefon erfand, hatte er drei verpasste Anrufe von Chuck Norris.« Die Rede ist dann von einem Internet-Phänomen, einem Hype, der für eine Zeit durch verschie- dene Foren, Plattformen und Chats geistert und die Menschen unterhält. Solche Phänomene entwickeln sich weiter, so wie aus den Chuck-Norris-Facts schließlich in Deutschland Hans-Sarpei- Fakten wurden. In diesem Kontext sprechen wir von einem Mem, einer Sinneinheit, die sich weiterentwickelt. Erst werden Chuck-Norris-Facts zum Mem, und von jedem, der möchte, werden neue Fakten erdacht, auch wenn das Prinzip gleich bleibt. So entwickeln sich aus den Chuck-Norris-Facts die Hans-Sarpei-Fakten. Meme.

Welches Potenzial haben Memes?

Das Potential von Memes, Inhalte überhöht und plakativ zu verbreiten und fortzuschreiben, ist auch in der Propaganda seit je eingesetzt worden. Besonders aus dem Nationalsozialismus sind uns Plakatelemente und Botschaften zur »bolschewistisch-jüdische Gefahr« präsent, die sich bis heute als Bilder eingeprägt haben. Aber auch sozialistische und andere Künstler nutzten politische Memes, die sich schneller und effektiver verbreiten als Wahlprogramme und Debatteninhalte. Ein beredtes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit für diese Wirksamkeit und die Beständigkeit und zugleich enorme Wandelbarkeit von Memes ist die Entwicklung des Slogans »Wir sind das Volk!« über »Wir sind ein Volk!« zu »Wir sind das Volk!«, der die gleiche Sinneinheit für drei sehr verschiedene Kampagnen anwendet: erst als Ausdruck der Opposition zum Regime, dann als Ausdruck des Wunsches nach deutscher Einheit und nun aktuell als Ausdruck einer populistisch- ausgrenzenden Bewegung.

Quelle: https://cdn.meme.am/instances/55672409.jpg, abgerufen am 7.11.2016 Urheber Bild: Alexander Gardner
Quelle: https://cdn.meme.am/instances/55672409.jpg, abgerufen am 7.11.2016
Urheber Bild: Alexander Gardner

Dies ist auch deshalb ein Thema für die pädagogische Arbeit. Und fast mehr noch als in der traditionellen politischen Bildung in Schulen und Sozialräumen muss sie sich dabei mit Memes im digitalen Raum befassen. Denn Meme und das Prinzip dahinter sind ein elementarer Bestandteil der Netzkultur. Sie haben nicht nur Unterhaltungswert, sondern werden auch hier als politische Instrumente genutzt. Rechtsextreme haben die Netzkultur schon sehr früh adaptiert und sind damit auch immer wieder erfolgreich. Vertreterinnen und Vertreter der demokratischen Kultur tun sich damit jedoch oft schwer.

Um Netzkultur besser zu verstehen und mitzugestalten, ist es daher wichtig, Meme zu verstehen. Netzkultur muss praktiziert und nicht einfach nachgeahmt werden, sonst werden entsprechende Angebote nicht angenommen. Nur so kann politische, pädagogische und kreative Arbeit im Netz erfolgreich sein.

Einnbinden von Netzkultur in pädagogischer Arbeit

Mit der vorliegenden Handreichung will die Amadeu Antonio Stiftung eine Einführung in die Online-Memetik und ihre Hintergründe geben sowie die Mechanismen, die sie für die politische Meinungsfindung im Social Web heute so zentral machen, beleuchten. So soll nicht nur das Verständnis rechtsextremer Netzkultur-Adaptionen verbessert, sondern auch die Arbeit für eine demokratische Kultur im Internet vorangebracht werden. Daher untersucht die Handreichung speziell Meme als Instrument rechtsextremer Propaganda und gibt Hinweise und Beispiele für eine pädagogische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Autorin: Christina Dinar

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