FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR
Longreads 15. Februar 2017

Rezension: Carolin Emcke – Gegen den Hass

by debate dehate

Die Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Carolin Emcke, setzt mit ihrem Essay „Gegen den Hass“, 2016 im S. Fischer Verlag erschienen, mehrere Zeichen in der aktuellen Debatte um den Hass. Dieser entlädt sich in Form von verschiedenen kollektiven Hasser_innen der Mehrheitgesellschaft auf „Andere“ und trägt zu der Verrohung des öffentlichen Diskurses bei.

Das Buch hat 240 Seiten und lässt sich angenehm lesen. Die Betonung liegt einerseits auf Subjekten, die Bedürfnisse von Menschen ansprechen, wie Sicherheit, Liebe, Sorge, Verletzlichkeit und Anerkennung. Andererseits setzt sie aktuell diskutiertes wie Hass, Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit, Reinheit, Homogenität, Missachtung und Naturgegeben kritisch in Bezug dazu und verbindet diese Darstellung mit Handlungsempfehlungen für ein menschlicheres Miteinander und eine verbesserte Diskussionskultur. Hierbei verleiht sie dem Text mit der häufigen Verwendung von rhetorischen Fragen und dem Verb „unterwandern“ einen subversiven und zur Reflektion auffordernden Handlungscharakter.

Das Essay ist in drei Teile gegliedert: „Sichtbar – Unsichtbar“, „Homogen – Natürlich – Rein“ und „Lob des Unreinen“. In dem ersten Teil stellt sie verschiedene Dimensionen von alltäglichem Hass anhand von wahren Begebenheiten dar, analysiert diesen Diskurs und führt die Leser_innenschaft an eine emotionale Auseinandersetzung und Reflektion mit dem allzu oft verharmlosten Alltags-Hass heran. Gefühle wie Sorge, Liebe, Verletzlichkeit und die Beziehung zum Hassobjekt spielen dabei eine Rolle. Im zweiten Teil versucht sie die Ursachen zu zerlegen, um zu veranschaulichen, wie sich alle dem schnell und unkontrolliert verbreitenden Hass entgegen stellen können. Dabei bezieht sie sich auf die Kollektive, die dahinter stecken, die gewohnten, überlieferten Praktiken und Wahrnehmungsmuster dieser und Ideologie und Fanatismus. Der dritte Teil ist eine Ode an die Pluralität. „Lob des Unreinen“ meint das Zuhören, Anerkennen und die Einnahme von verschiedenen Perspektiven.

„Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt. […] Es gilt zu mobilisieren, was den Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel.“ (S.17f).

Hass sei nicht einfach da, sondern werde gemacht. Indem sie die Sache bei der Wurzel packt und der Frage nachgeht, wie der Hass denn überhaupt entstanden sein kann, zeigt sie gleichzeitig eine Strategie auf, wie man sich einer Problematik annähern kann – nämlich indem man der Sache auf den Grund geht und Dinge und sich selbst kritisch hinterfragt. Sie kommt zu der Antwort, dass der Hass sich in „[…] kühlen, länger vorbereiteten oder über Generationen weitergereichten Praktiken und Überzeugungen […]“ in spezifischen historischen und kulturellen Kontexten gründet. Hier gelte es anzusetzen. Ständiges Erörtern, Abwägen und Diskutieren, das Eingestehen individueller und kollektiver Irrtümer, das Korrigieren historischer Ungerechtigkeiten und das gegenseitige Verzeihen seien essentiell für eine von Pluralität geprägte, demokratische Gesellschaft.

Ihr Hauptaugenmerk legt sie auf das Entdecken von Gemeinsamkeiten in einer heterogenen Welt, die Menschen als solche ausmachen. Anstatt geschehen zu lassen, dass eine Kluft zwischen Menschen aufgrund ihrer „Andersartigkeit“ entsteht, welche Raum bietet für Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Gegenseitiges Zuhören und wechselseitige Neugierde sieht sie als erforderlich, um verschiedene Perspektiven aus unterschiedlichen Blickwinkeln einnehmen bzw. verstehen zu können. Sie spricht sich dafür aus, dass die Verletzlichkeit das ist, was den Menschen gleich ist, was sie ähnlich und empathisch macht. Menschen haben unterschiedliche Verletzlichkeitsgrenzen, Bedürfnisse und wunde Punkte, die ihnen nicht abgesprochen werden dürften – das Gegenüber ernst nehmen lautet ihre Devise. Momentan sieht sie eine öffentliche Diskussionskultur, die auch eine Fehlerkultur zulässt, als von den strukturellen Bedingungen und sozialen Gewohnheiten der Kommunikation verhindert.

Fazit

Carolin Emcke hat es meiner Ansicht nach geschafft, verschiedene aktuelle gesellschaftliche Missstände nicht nur zu benennen, sondern eine Art Empowerment-Essay zu kreieren, welches die Leserschaft zum Nachdenken und Reflektieren anregt. Das Buch ist gezeichnet von rhetorischen Fragen, welche meiner Meinung nach strategisch klug eingesetzt sind, um dem Ganzen einen auffordernd-subversiven Charakter zu verleihen. Ich bin ganz bei ihr, die Menschen zu sensibilisieren für die Situation von Diskriminierten – für mehr Empathie und Einfühlungsvermögen. Die Intention hinter etwas Gesagtem ist vollkommen irrelevant, sobald sich eine Person durch das Gesagte getroffen fühlt.

Kritische Stimmen behaupten, sie würde sich zwanghaft und bildungsbürgerlich-sozial- erwünscht ausdrücken, um das vermeintlich Richtige zu sagen. Außerdem habe sie als privilegierte, weiße Person leicht reden, die Zielgruppe könne nicht erreicht werden und sie negiere die aktuelle soziale Frage. Ich denke, in diesem Kontext sollten nicht die Merkmale „weiß“ und „privilegiert“ im Vordergrund stehen, sondern, dass sie als homosexuell orientierte Person eine Perspektive hat, der Raum gegeben werden muss, wenn es um Diskriminierung von „Anderen“ und Hass, der sich diese Gruppen durch Akteur_innen als Objekte zurechtlegt, geht. Mit dem Essay zeigt sie sich solidarisch gegenüber anderen Gruppen, die von Menschenfeindlichkeit betroffen sind und trägt zu einer demokratischen Debatte in ihren Kreisen bei. Gerade die Kritik an ihr unterstreicht, dass es notwendig ist eine demokratische Diskussionskultur zu fördern und ich denke, es lässt sich nicht bestreiten, dass dieses Buch konstruktiv dazu beiträgt.

Ich empfehle das Buch allen, die sich mit dem aktuellen Diskurs auseinandersetzen (möchten), Handlungsbedarf sehen, aktiv sind/werden möchten oder selbst von Hass betroffen sind.

Autorin: Annika Kühn

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