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Viraler Hass: Teil 2 – Verdrehungen, falsche Behautpungen und wirre Diskussionen entzerren

by debate dehate

Wie Sie rechtsextreme Thesen entlarven

Wenn Ihnen ein Diskussionsbeitrag verdächtig vorkommt, hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Versuchen Sie, die originäre These herauszuarbeiten, indem Sie emotionsgeladenes Beiwerk gedanklich entfernen.

Intentionsanalyse

Ein weiterer Ansatz: Fragen Sie nach der Intention der Aussage oder Geschichte. Zunächst sich selbst, aber auch die- oder denjenigen, die/der den Beitrag verfasst hat. Schauen Sie sich an, in welchem Zusammenhang der Beitrag erscheint und wer ihn verfasst hat. Sollte diese Person gleichzeitig in mehreren typisch rechten Agitationsfeldern unterwegs sein, ist die Zuordnung zum rechten Spektrum nicht unwahrscheinlich. Aber vermeiden Sie auch hier vorschnelle Stigmatisierungen. Versuchen Sie vielmehr, eine offene Diskussion anzuregen.

Fakten

Verlangen Sie »Hard Facts«. Fordern Sie, dass Ihr Gegenüber implizierte Konsequenzen ausspricht. Stellen Sie klar: Eine persönliche Erfahrung oder ein subjektives »Gefühl« alleine reichen nicht aus, um Pauschalisierungen und menschenfeindliche Einstellungen zu rechtfertigen

Ein kleiner Ausflug in rechte Rhetorik

Wer mit Argumenten nicht mehr weiterkommt, greift zu anderen Mitteln. Auf strategisch-sprachlicher Basis versuchen Rechtsextreme, konstruktive Diskussionen zu torpedieren. Indem sie falsche Zusammenhänge herstellen oder inhaltliche Sprünge einbauen, die es schwer machen, dem Argumentationsgang zu folgen, versuchen sie, vom ursprünglichen Thema abzulenken und ihre Ideologie »mit Gewalt« zu platzieren.

Anstatt auf Fragen direkt zu antworten, kontern sie mit Gegenfragen, die subtil eine ideologische Vorannahme voraussetzen. Dadurch wird der Diskussionsteilnehmer in eine Passivität gedrückt, aus der heraus er schwer argumentieren kann. Er kann nicht mehr agieren, nur noch reagieren und wird so als »unterlegen « dargestellt.

Themen-Hopping und andere Wortergreifungsstrategien

Das sogenannte »Themen-Hopping« ist eine weit verbreitete rechte Technik, um Diskussionen zu zerstören. Statt beim eigentlichen Thema zu bleiben, werfen die Initiatoren mit verschiedenen Diskussionsansätzen nur so um sich. Für die anderen Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer ist es unmöglich, jedem Argumentationsstrang zu folgen. Durch schiere Quantität sollen Machtverhältnisse demonstriert werden. Die gleiche Taktik steckt hinter dem Posten unzähliger Links, die auf angebliche Beweise zur Untermauerung der eigenen Theorie führen sollen. Die Menge an Informationen, die dabei transportiert wird, ist für die meisten Nutzerinnen und Nutzer einfach nicht zu bewältigen.

Diskussionen unmöglich machen

Sinn und Zweck der (Zer-)störung konstruktiver Diskussionen ist, sich Platz für die eigenen Thesen »freizukämpfen«. Oft geht es nur darum, den »Gegner« zu ermüden oder zu verwirren. So steigen viele Diskutanten nach dem ersten oder zweiten inhaltlichen Sprung, dem dritten oder vierten neuen Argumentationsansatz einfach aus der Diskussion aus – und überlassen den Neonazis das Terrain. Diese haben nun leichtes Spiel. Sie werten den Ausgang der Diskussion als Sieg und stärken damit nicht nur ihr eigenes Selbstbewusstsein, sondern sorgen auch für Verunsicherungen bei den stillen Mitleserinnen und Mitlesern.

»Wer seine Augen öffnet, wird die Wahrheit sehen«

Was wie ein biblisches Zitat klingt, ist eine beliebte Formulierung in rechten Kommunikationszusammenhängen. Um ihren subjektiven Behauptungen mehr Gewicht zu verleihen, bemühen Rechtsextreme oft die Kategorie »Wahrheit«. Wahrheit ist nicht nur ein ziemlich großer, philosophisch anmutender Begriff. Er wird auch gerne benutzt, um die eigene These zu untermauern, ohne weitere Belege anzugeben.
Auf diese sprachlich sehr simple Weise versuchen Rechtsextreme so, sich von den ihrer Meinung nach »manipulierten« und »manipulierenden« (sprich: etablierten) Medien abzugrenzen. Das kann man auch gut in vielen der sogenannten Bürgerinitiativen sehen. Bürgerinnen und Bürger in diesen Vereinigungen sind im Allgemeinen »besorgt« und im besonderen »mutig«, weil sie sich trauen, trotz »linksfaschistischer« Politik,»linken Krawallmachern« und »instrumentalisierter«, »politisierter « und »zensierter« Presse die »Wahrheit« gegenüber dem »Gutmenschentum« auszusprechen – um nur einen kleinen Ausschnitt des rechten oder zumindest rechtspopulistischen Sprachgebrauchs zu demonstrieren

Wie Sie sich gegen rechtsextreme Rhetorik wehren

Wenn Sie merken, dass ein Diskussionsteilnehmer versucht, die Diskussion zu sprengen, lassen Sie sich nicht darauf ein. Entlarven Sie seine Beiträge als strategische Störversuche. Erläutern Sie, warum Sie auf dieser Ebene nicht mit ihr/ihm diskutieren wollen und werden. Machen Sie auch ihren Diskussionspartnern klar, dass so keine konstruktive Auseinandersetzung funktionieren kann.

Rahmenbedingungen festlegen

Stellen Sie Diskussionsregeln klar oder gegebenenfalls auf. In fast allen Foren oder Gruppen gibt es gewisse Regeln, an die sich alle halten müssen. Nehmen Sie unfaire Strategien mit in die »No-Go‘s« des Diskussions-Kodex‘ auf. Wer ernsthaft diskutieren möchte, sollte bereit sein, sich daran zu halten.

Vorsicht vor Stigmatisierungen

Aber bitte: Nicht sofort »Nazi« schreien. Nicht jeder, der sich unfairer Mittel bedient, ist gleich rechts. Jemanden in der Öffentlichkeit zum »Nazi« zu machen, kann leicht zu Solidarisierungs- Effekten führen. Versuchen Sie es zunächst lieber diplomatisch: »Diese Strategie wird auch gerne von Rechtsextremen genutzt. Pass auf, dass du da nicht falsch zugeordnet wirst.«

Falsche Statistiken und fragwürdige Quellen als »wissenschaftliche « Beweise für rechtsextreme Thesen

Von Studien zu Deutschenfeindlichkeit über Statistiken zu »Ausländerkriminalität« bis hin zu Rassentheorie und Sozialdarwinismus: Neonazis bedienen sich aller ihnen zu Verfügung stehender Mittel, um ihre menschenfeindliche Ideologie mit mutmaßlich wissenschaftlichem Unterbau zu versehen.

Phrasen wie »Das sind Fakten!« oder »Erkennt endlich die Wahrheit! « leiten häufig Verweise auf Studien oder Statistiken ein, die die Neonazis uminterpretieren, um auf vermeintlich neutraler Basis zu argumentieren.

Analyse-Beispiel: »Ausländerkriminalität«

Bei der sogenannten »Ausländerkriminalität« fängt die Diskriminierung schon in der Terminologie an. Leider wird dieser Begriff nicht nur von Rechtsextremen, sondern auch von einigen Politikern und Politikerinnen benutzt. Sie berufen sich dabei auf die Kriminalstatistik, laut der knapp ein Drittel aller in Deutschland erfassten Delikte von Menschen mit ausländischem Pass begangen werden. In Relation dazu, dass nur neun Prozent der Bevölkerung keinen deutschen Pass haben, ziehen sie den Schluss, dass »Ausländer« grundsätzlich krimineller als Deutsche seien.
Schaut man sich die Kriminalstatistik genauer an, stößt man schnell auf verschiedene, das Ergebnis verzerrende Faktoren. So gibt es zum Beispiel Straftaten – Meldevergehen, falsche Angaben über Herkunft und Einreiseweg sowie illegaler Grenzübertritt – die faktisch nur von Nicht-Deutschen begangen werden können.
Darüber hinaus wird keine Unterscheidung zwischen der ausländischen Wohnbevölkerung und durchreisenden und nur vorübergehend in Deutschland lebenden Personen gemacht. Der letzte Aspekt hat psychologische Ursachen und steht exemplarisch für das Klima gegenüber Migrantinnen und Migranten in vielen Teilen der Gesellschaft. Die Kriminalstatistik führt nämlich auch Tatverdächtige auf, die nicht zwangsläufig auch die Täter sein müssen. Nun ist es aber so, dass »Ausländer« grundsätzlich schneller unter Tatverdacht geraten und darüber hinaus auch häufiger angezeigt werden, weil die »Anzeigefreudigkeit « gegenüber Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund in der Gesamtgesellschaft höher ist.

Die eigentlichen Probleme liegen anderswo

Im Bereich der Jugendkriminalität ist es allerdings tatsächlich so, dass ein vergleichsweise größerer Teil ausländischen Bürgerinnen und Bürgern zuzurechnen ist. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Durch den fehlenden Zugang zur deutschen Sprache, zu Integrationsmöglichkeiten und zum Arbeitsmarkt sehen sich Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger vor ökonomischen Schwierigkeiten. Die Gründe sind also eher in unserem Bildungssystem als im Herkunftsland der Jugendlichen zu suchen.

Falsches Expertentum durch gegenseitige Akkreditierung

Um eine scheinbar objektive, wissenschaftliche Argumentation aufzubauen, ziehen Neonazis falsche oder aus dem Kontext gerissene Zahlen, zweifelhafte Studien, haarsträubende Vergleiche und falsche Experten heran. Sie erschaffen ein enges Netz aus sich gegenseitig bestätigenden »Fachleuten« und erzeugen so ein Expertentum, das bei genauer Analyse leicht aufgebrochen werden kann.

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren