FÜR DIGITALE DEMOKRATISCHE KULTUR

Digitale Handlungsstrategien gegen Rechtsextremismus

by debate dehate

Anmerkung: ehemals no-nazi.net heißt nun debate dehate

Wer sich regelmäßig in Sozialen Netzwerken bewegt, trifft über kurz oder lang auf Rechtsextreme, Antisemit/innen, Verschwörungstheoretiker/innen und Islamhasser/innen, die unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ihre Propaganda verbreiten. Die Netzwerkbetreiber werden dem Problem nur langsam gerecht – teils, weil sie nicht als Zensoren gelten wollen, teils, weil oft fachkundiges Personal fehlt, um mit solchen Phänomenen umzugehen. Umso wichtiger ist die grundsätzliche Frage, was von zivilgesellschaftlicher Seite aus im Web 2.0 getan werden kann.
Die Antwort der Amadeu Antonio Stiftung lautet »no-nazi.net – Für Soziale Netzwerke ohne Nazis « – ein Projekt, das die Formen und Ausprägungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Social Web beobachtet und anhand der gewonnenen Erkenntnisse vor allem jüngere Nutzerinnen und Nutzer über die Gefahren rechtsextremer und anderer menschenverachtender Bestrebungen aufklärt. Gleichzeitig ist no-nazi.net eine Partnerschaft mit allen bedeutenden Plattformen eingegangen: zum einen, um den Netzwerken die Expertise zur Thematik gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bzw. Hate Speech zur Verfügung zu stellen, zum anderen, um die Betreiber stetig in diesem Bereich zu sensibilisieren.
2011 als Modellprojekt des Bundesprogramms »Toleranz fördern – Kompetenz stärken« vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aufgesetzt und von der Freudenberg-Stiftung, der Robert-Bosch-Stiftung und Google unterstützt, hat no-nazi.net seitdem kontinuierlich und erfolgreich seine Ziele verfolgt. Jugendliche, die durch ihre Profile und Aktivitäten im Netz erste Affinitäten zu rechtsextremen Einstellungen aufweisen, werden online kontaktiert und im Gespräch kritisch hinterfragt. Damit stellt no-nazi.net exemplarisch dar, dass Radikalisierungsprävention auch im Netz erfolgreich praktiziert werden kann. Rechtsextreme Ansprachen und Kampagnen im Netz werden beobachtet, analysiert und entschlüsselt. no-nazi.net klärt über diese Taktiken online in Dossiers und Videos, offline in Vorträgen und Workshops auf. Doch no-nazi.net arbeitet nicht nur mit (jugendlichen) Nutzerinnen und Nutzern. Auch die Netzwerkbetreiber sind äußerst wichtige Ansprechpartner. Das Projekt schult die Mitarbeiter/innen von Jappy, Knuddelz, Google und anderen zu den neuesten Phänomenen und Entwicklungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – von Rechtsextremismus bis Verschwörungstheorien – und bietet einen kollegialen Austausch bei Grenzfällen an.
Die Offline-Arbeit ist dabei ebenso wichtig wie das Online-Engagement. Zu ihr gehören Vorträge, Interviews und Workshops zu Rechtsextremismus in Sozialen Netzwerken. In den Workshops schulen die Mitarbeiter/innen von no-nazi.net auch die Medienkompetenz, erklären so genannten Offlinern die Grundfunktionen Sozialer Netzwerke und machen verständlich, welche Antworten Nutzerinnen und Nutzer, aber auch Plattformbetreiber auf Hate Speech im Netz bieten können. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, wurden zudem Broschüren entwickelt, die sich zielgruppengerecht an Multiplikatoren/innen, Entscheider/innen und Jugendliche richten. Das Projekt- Blog sowie die Online-Präsenzen in allen wichtigen Netzwerken berichten über die neusten Erkenntnisse und Beobachtungen von no-nazi.net. Diese werden regelmäßig in Dossiers zusammengefasst, um in Online-Diskussionen kompaktes Wissen bieten zu können und so Vor- urteile direkt dort zu widerlegen, wo sie im Netz geäußert werden. Damit unterstützt no-nazi.net demokratische Akteure/innen im Netz, die sich auf problematischen Seiten gegen Vorurteile und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit engagieren.

Was Politik und Zivilgesellschaft nach und nach klar wird: Die Bedeutung des Internets, speziell Sozialer Netzwerke, ist enorm. 76,5 Prozent der Bundesbürger/innen sind mittlerweile online, bei den Jugendlichen sind es 97 Prozent. Die Nutzung von Plattformen wie Facebook oder YouTube ist fester Bestandteil des Alltags der Menschen. Rechtsextreme und andere Menschenfeinde haben die Wirkmacht und Reichweite des Mediums schon deutlich früher erkannt und für ihre Zwecke professionell genutzt. Jede moderne rechtsextreme Kampagne bzw. Bewegung hat heutzutage eine starke Netzanbindung. Die Zahl rechtsextremer Social Media Angebote steigt jährlich. Plattformbetreiber unterschätzen diese Gefahr, die Politik hat sie lange ignoriert und die Zivilgesellschaft versucht, dem Problem mit »Bunt statt Braun«-Parolen zu begegnen. Dabei müssen die Lösungen so modern sein, wie es das Medium ist. Auch wenn Soziale Netzwerke »nur« als eine Erweiterung des Offline-Raums gesehen werden, in dem Menschen miteinander interagieren, so gelten hier doch andere Regeln. Es gibt nur wenige Projekte, die Rechtsextremismus im Internet thematisieren – no-nazi.net ist das einzige Projekt, welches gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Sozialen Netzwerken, dem Nukleus des digitalen Raums, beobachtet und mit Nutzer/innen dagegen arbeitet. Weiter ist es das einzige Projekt welches konstruktiv mit Netzwerkbetreibern zusammenarbeitet.
no-nazi.net ist ein Frontliner-Projekt. Frontliner, weil die Experten/innen des Projekts täglich allen aktuellen Formen des Rechtsextremismus im Netz begegnen, diese analysieren und eine Antwort darauf formulieren müssen. Frontliner, weil no-nazi.net rechtsextrem affine Jugendliche direkt im Netz anspricht und dort Präventionsarbeit leistet – an dem Ort, der für Rechtsextreme das Propagandamedium Nummer Eins darstellt. Frontliner, weil das Projekt im direkten Kontakt mit den Netzwerkbetreibern steht und die gesammelten Erkenntnisse an die Mitarbeiter/innen der Plattformen weitergibt. Dies wirkt sich auf die vielen tausend Meldungen aus, die täglich auf jeder Plattform entstehen.
Doch Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sind keine statischen Phänomene – sie entwickeln sich stetig weiter. Regelmäßig gibt es neue rechtsextreme Kampagnen und Strategien, die versuchen, die Ängste und Vorurteile der User/innen zu instrumentalisieren. Entsprechend muss auch die Arbeit gegen diese Phänomene beständig sein.
Um konkret zu werden: 2011 betraten die »Unsterblichen« die digitale Bühne, 2012 wurde die »Identitäre Bewegung« im deutschsprachigen Web 2.0 aktiv, 2013 dominierten die über Facebook organisierten Proteste gegen Flüchtlingsheime, die von der NPD gesteuert wurden. Auf jedes dieser Phänomene musste und muss auch in Zukunft eine zeitnahe Antwort gefunden werden, denn die Nutzer/innen werden täglich damit konfrontiert. Ein Zeitungsartikel, ein Fernsehbericht oder eine Pressemitteilung über die neuesten Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Netz würde seine aufklärerische Wirkung in Bezug auf die Nutzer/innen verfehlen, weil diese nicht da abgeholt werden, wo sie sich aufhalten: im Internet. Dort verbringen zum Beispiel Jugendliche nach der aktuellen ARD-ZDF-Onlinestudie bis zu drei Stunden täglich.
(Vgl. http://goo. gl/ocL3UH )
Gleiches gilt für die Netzwerkbetreiber: Auch diese müssen vom ersten Tag des Auftauchens eines neuen Phänomens darauf reagieren. Dafür ist aber eine Expertise nötig, die in den meisten Fällen bei den Betreibern nicht vorhanden ist. Diese Lücken will no-nazi.net schließen.

»Ich wollte wissen, wie man mit Facebook-Profilen umgehen sollte, die menschenverachtendes Gedankengut verbreiten. Ich habe solche Profile schon an Facebook gemeldet, aber anscheinend versanden solche Meldungen.«

Solche und ähnliche Nachrichten erreichen no-nazi.net täglich. Nutzerinnen und Nutzer, die schon ein Grundwissen zu Ausformungen des Rechtsextremismus im Web 2.0 aufweisen, melden entsprechende Inhalte regelmäßig an die Netzwerkbetreiber. Doch diese reagieren für User/innen oft unverständlich – denn gemeldete Inhalte, die nicht strafbar sind, werden nicht entfernt. Dennoch ist auch bei nicht strafbaren Inhalten ihr menschenverachtender Charakter nicht von der Hand zu weisen.
no-nazi.net überprüft derartige Meldungen und ermutigt die Nutzer/innen, trotz solcher Enttäuschungen nicht aufzugeben. Gleichzeitig befindet sich das Projekt in einem ständigen Dialog mit den Plattformbetreibern, um beständig weiter zu sensibilisieren und aufzuklären, welche Phänomene bearbeitet und sanktioniert werden müssen; Inhalte können legal, aber dennoch menschenverachtend und gefährlich sein. Diesen Dialog will no-nazi.net nicht abreißen lassen und auch in Zukunft helfen, Lösungen für all diese Probleme zu entwickeln.

Die Beschäftigung mit Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit setzt eine umfassende Kenntnis mit den verschiedenen Ausprägungen dieser Phänomene voraus. Es gibt eine stetig wachsende Reihe wissenschaftlicher Publikationen zu diesem weiten Feld, zudem veröffentlichen verschiedene Stellen jährlich aktuelle Zahlen und Daten zum Thema. Es sind Bestandsaufnahmen und Beschreibungen – Grundlagen, die vor allem die Brisanz des Problems verdeutlichen. Doch das konkrete Erscheinungsbild, die Auftrittsstrategie, die Ansprache, die Bildkonstruktionen, der Stil, die popkulturelle Verknüpfung und besonders die alltägliche Ausformung der Abwertung anderer, spiegeln sich darin nur unzureichend wider. Um diesen Phänomenen investigativ nachzugehen und die aktuellen Entwicklungen zu dokumentieren, betreibt no-nazi.net seit 2011 ein kontinuierliches qualitatives Monitoring rechtsextremer Bestrebungen und anderer Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Netz. Der Fokus liegt dabei auf Sozialen Netzwerken bzw. dem so genannten Web 2.0, da es der interaktivste und am intensivsten genutzte Teil des Internets ist. Das Monitoring ist elementar für die Arbeit des Projekts und wird auch darüber hinaus geschätzt, wie Anfragen von Multiplikator/innen, Praktiker/innen, Presse und Wissenschaft verdeutlichen. Denn mit dem qualitativen Monitoring füllt no-nazi.net eine Lücke: Wir schauen uns an, wie rechtsextreme Einstellungen, antisemitische Aussagen etc. konkret geäußert und im Netz transportiert werden. Wir beobachten die Entstehung und Entwicklung von verschiedensten Kampagnen und Gruppen, deren Vernetzung, Viralität, die Zustimmung, Ablehnung und die Kontextualität.
Mit Beginn des Monitorings hat das Projekt eine Systematisierung verschiedener rechtsextremer Typologien begonnen, um so die verschiedenen Ausprägungen rechtsextremer Subkulturen bzw. die Adaption von Subkulturen durch den Rechtsextremismus aufzeichnen zu können. Jede dieser subkulturellen Ausprägungen arbeitet mit anderen Zeichen und popkulturellen Referenzen, die erkannt und eingeordnet werden müssen.
Das Internet ist für den Rechtsextremismus das Propagandamedium erster Wahl. Entsprechend sind neue Entwicklungen und Phänomene zuerst im Netz zu beobachten. Ein Beispiel: Im Mai 2011 kursierte das Video eines nächtlichen Fackelumzugs von mehreren Dutzend weiß maskierten Menschen im Netz – das Phänomen der »Unsterblichen« erschien auf der Bühne der Öffentlichkeit. Da der nächtliche Fackelumzug in einer sächsischen Kleinstadt naturgemäß wenig bis gar keine Öffentlichkeit mit sich bringt, wurde der Aufmarsch auf Video aufgenommen und mit dramatischer Musik unterlegt. Aus einer einzelnen Aktion wurde innerhalb der rechtsextremen Szene ein virales Phänomen, das europaweit noch heute Nachahmer findet. Inhaltlich stellt das Phänomen lediglich eine Neubearbeitung der rechtsextremen Volkstod-Kampagne dar, doch die popkulturellen Anleihen lassen die »Die Unsterblichen« innovativ und Twitter-Screenshot besonders für Jugendliche attraktiv wirken. Eine moderne Twitter-Seite von no-nazi.net 13 Webseite, gut geschnittene und vertonte Videos: Die »Unsterblichen« verdanken ihren Erfolg dem Netz und bilden damit exemplarisch den Prototyp moderner rechtsextremer Kampagnen. Gleichzeitig konnte durch das Monitoring nachgewiesen werden, dass die öffentlich geleugnete Verbindung zwischen der NPD und den »Unsterblichen« sehr wohl vorhanden ist.
Doch nicht nur der traditionelle Rechtsextremismus nutzt das Netz geschickt. Auch der modernisierte Rechtsextremismus weiß um die Macht und Reichweite des Internets. Im November 2012 trat die »Identitäre Bewegung Deutschland«, das deutsche Pendant zur französischen »Generation Identitaire«, an die Öffentlichkeit. Wieder war es ein Video, welches tausende Nutzer/innen erreichte. Zeitgleich wurden diverse Seiten auf Facebook eröffnet und eine breit angelegte Kampagne gestartet. Das Ziel der »Identitären Bewegung«: die Gründung einer neuen Jugendbewegung mit Hilfe des Internets, speziell der Sozialen Netzwerke.
Im digitalen Raum werden Propaganda bereitgestellt, Gegner/innen bloßgestellt und eingeschüchtert und neue Anhänger/innen mobilisiert. Letzteres zeigt sich besonders deutlich durch die seit Sommer 2013 laufende Kampagne gegen Flüchtlinge, die hauptsächlich über Facebook regional organisiert, national vernetzt und von der NPD orchestriert wird.
Neben der Beobachtung neuer Phänomene behält das Monitoring auch die Entwicklung rechtsextremer und rechtspopulistischer Seiten im Blick. Mittels Social Media Analyse Tools ist no-nazi.net in der Lage, die Entwicklung rechter Seiten zu beobachten – von der Entwicklung der Like-Zahlen über die Viralität bis zur Verknüpfung mit anderen Seiten. So wissen wir durch das Monitoring nicht nur, dass sich die Like-Zahlen der NPD konstant erhöhen und vor den etablierten Parteien wie SPD, CDU, Grüne liegen, sondern auch, dass die Viralität der NPD sehr hoch ist. Eine starke Viralität bedeutet, dass die Interaktion der Nutzerinnen und Nutzern mit der Seite sehr hoch ist und Beiträge der Seite häufig geteilt und kommentiert werden. Obenstehende Grafik zeigt, dass die NPD deutlich mehr Nutzer/innen erreicht als nur jene, die der Seite folgen. Liegt die rechtsextreme Partei bei den Gefällt-mir-Zahlen knapp über 100.00 (Stand September 2014), so zeigt die Viralität, dass insgesamt regelmäßig über 1,5 Mio Nutzer/innern erreicht werden – ein Wert, von dem Parteien wie CDU oder SPD weit entfernt sind.
Diese Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was no-nazi.net durch das Monitoring beobachtet. Täglich operieren nicht nur rechtsextreme Kräfte im Netz, sondern auch rassistische Humorseiten, antisemitische Verschwörungstheorien und homophobe Hetzkampagnen. Dies zeigt die Bedeutung des Internets für rechtsextreme Propaganda und Hate- Speech-Inhalte, die durch die niedrigschwellige Verbreitungsart in den neuen Medien bis weit in die Mitte der Gesellschaft hineinreichen. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig die stetige Beobachtung dieses Sektors ist, denn nur die Kenntnis solcher Phänomene und Entwicklungen befähigt uns und andere, entsprechende Antworten formulieren zu können. Daher macht no-nazi.net tagesaktuelle Ausschnitte aus dem Monitoring transparent und teilt die gewonnen Erkenntnisse mit der interessierten Öffentlichkeit – seien es die Presse, Wissenschaft oder interessierte Einzelpersonen und Multiplikator/innen, die uns auf Twitter folgen.

In der pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus wird zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention unterschieden. Die primäre Prävention hat zum Ziel, die demokratische Orientierung und ein Weltbild von der Vielfalt und Gleichheit aller Menschen zu stärken. Sekundäre Prävention richtet sich an rechtsextrem affine Jugendliche, also junge Menschen, die erste Berührungen mit und Orientierung hin zum Rechtsextremismus aufzeigen. Bei der tertiären Prävention richtet man sich an Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild. Wir unterteilen diese drei Grade der Prävention in zwei Bereiche und sprechen bei primärer und sekundärer Prävention von Radikalisierungsprävention, bei tertiärer Prävention von Deradikalisierung. In der Praxis stellen sich die Übergänge zwischen den einzelnen Präventionsgraden häufig als fließend heraus, so dass die Unterteilung idealtypisch ist.
Für no-nazi.net stellte sich also anfänglich die Frage, welche Präventionsgrade auch im digitalen Raum realisierbar sind und welche nicht. Das Web 2.0 und speziell Soziale Netzwerke sind zum elementaren Bestandteil des Alltags und Handelns der Zielgruppe geworden: Viele Jugendlichen sind täglich bis zu drei Stunden am Tag online. Die Netzwerke sind Orte, über die soziale Beziehungen gebildet und gepflegt werden, Orte der Identitätsarbeit und Orte der gesellschaftlichen Teilhabe. Allerdings entstehen diese Orte erst, wenn man etwas über sich preisgibt. Es klingt paradox: Soziale Netzwerke vermitteln einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen, sind zugleich jedoch relativ unpersönlich. Man erfährt etwa, was eine Nutzerin oder ein Nutzer mag, welche Interessen er/sie hat, welche Filme, Musik oder welche Bücher er/sie konsumiert – daraus erschließt sich allerdings nicht zwingend, wie diese Person sich verhält.
Kontinuierliche Beziehungsarbeit mit einzelnen Nutzer/innen ist zwar möglich, jedoch auf Grund der Kommunikationsoptionen limitiert. Am Ende bleibt zum persönlichen Austausch lediglich die private Nachricht bzw. der Chat. Gerade die tertiäre Prävention, also Deradikalisierung, bedarf des Aufbaus einer intensiven Kommunikation und vor allem eines persönlichen (Offline-) Kontakts, also eben jenen Teil der Beziehungsarbeit, der auf reinem Online-Weg nicht möglich ist. Chats können missverständlich sein und Gespräche im Netz schnell abbrechen.
Dennoch muss die Präventionsarbeit den digitalen Raum mit einbeziehen. Nicht nur, weil es ein identitätsbildender Ort ist, sondern auch, weil Rechtsextreme die Sozialen Netzwerke gezielt als Ort der Ansprache junger Menschen nutzen und die kulturellen Praxen des Web 2.0 adaptiert haben. Als erste Anlaufstelle, die ausstiegswillige Menschen berät und weitervermittelt, ist das Netz ob seiner Anonymität sehr geeignet, doch die konkrete Deradikalisierungsarbeit ist wegen der limitierten Kommunikationsmöglichkeiten des Web 2.0 nicht realisierbar.

Resilienz stärken

Primäre Prävention wird in Sozialen Netzwerken auf vielfache Art und Weise von no-nazi.net praktiziert und zielt zum einen auf die Resilienzstärkung in der Zielgruppe und zum anderen auf die Unterstützung demokratischer Akteurinnen und Akteure. Der digitale Raum weist veränderte Handlungsbedingungen gegenüber der so genannten Offline-Welt auf. Es herrschen andere kommunikative Regeln und das Spektrum der Ansprachemöglichkeiten ist sehr variabel. Daher bieten wir über Texte, Grafiken, Videos und Quizzes Aufklärung, Fakten gegen Vorurteile und Informationen an. Diese stellen wir zum einen über unseren Blog und die verschiedenen Netzwerke zur Verfügung, tragen sie aber auch an die verschiedenen Diskussionsorte auf den Plattformen. Denn es reicht nicht, die Informationen nur entsprechend aufzubereiten und dann darauf zu warten, dass sie gefunden werden. Beispiel Facebook: Bei über 26 Millionen Profilen allein in Deutschland ist es illusorisch anzunehmen, dass das eigene Angebot automatisch von der Zielgruppe wahrgenommen wird. Daher trägt no-nazi.net die Informationen dahin, wo sie gebraucht werden. Diskussionen, die eine solche Intervention notwendig machen, können jederzeit und überall in Sozialen Netzwerken entstehen. Häufig diskutieren hier auch schon Menschen, die sich gegen die in der Debatte geäußerte Menschenfeindlichkeit stellen. Diesen Personen bieten wir dann Unterstützung und Beratung an. Gerade bei Diskutierenden aus der Zielgruppe ist positives Feedback auf das freiwillige Engagement wichtig, um den Impuls, sich für eine demokratische Kultur zu engagieren, zu verstärken.

Begrenzen und Motiv bedienen

Sekundäre Prävention ist in Sozialen Netzwerken möglich, jedoch mit einem hohen personellen und zeitlichen Aufwand verbunden, so dass no-nazi.net diese Form der Radikalisierungsprävention exemplarisch demonstriert. Der Aufwand, entsprechende Jugendliche zu identifizieren, ist sehr hoch. Hinzu kommt: Im Schnitt erweist sich von zehn Versuchen der Kontaktaufnahme nur einer als erfolgreich. Da no-nazi.net proaktiv arbeitet, ist bei der Zielgruppe nicht immer mit einer Gesprächsbereitschaft zu rechnen. Daher wurde ein Gesprächsansatz gewählt, der bedürfnisorientiert- konfrontativ arbeitet. Mittels dieses Ansatzes ist es möglich, einerseits eine klare Abgrenzung zu einem menschenverachtenden Weltbild zu verdeutlichen und andererseits das entsprechende Motiv, wie zum Beispiel der Wunsch nach Anerkennung, zu bedienen.

Authentische Ansprache

Wir arbeiten bei den Kontaktaufnahmen mit Projekt-Profilen. Das geschieht zum einen, um die Projektmitarbeiter/innen zu schützen, zum anderen, um die Trennung von Privat- und Berufsleben aufrechtzuerhalten. Obwohl Projekt-Profile scheinbar im Widerspruch zu der nötigen Authentizität stehen, die im Bereich der Arbeit für demokratische Kultur und gegen Rechtsextremismus notwendig ist, werden diese Profile in der digitalen one-on-one-Kommunikation von der Zielgruppe akzeptiert. no-nazi.net operiert mit zwei verschiedenen Profiltypen: Zum einen nutzen wir Profile, die sich offiziell als zum Projekt zugehörig zu erkennen geben und dadurch als Instanz und Autorität akzeptiert werden. Zum anderen werden Profile eingesetzt, die sich nicht als zum Projekt zugehörig zeigen und eine Kommunikation auf gleicher Ebene simulieren. Letztere werden zusätzlich auch dafür gebraucht, um in großen öffentlichen Diskussionen die Rolle einer unbeteiligten dritten Person zu simulieren, die politisch unbedarft aber dennoch interessiert ist und stets nachfragt, wie bestimmte Kommentare von Nutzerinnen und Nutzern gemeint sind.
Die Auftrittsstrategien dieser Profile ermöglichen ein authentisches Auftreten, da wir weder versuchen, gekünstelt Jugendsprache zu verwenden, noch von demokratischen Standpunkten abweichen, um uns anzubiedern. Der Aufbau authentischer Profile ist vor allem durch Detailkenntnis und -liebe bestimmt und erfordert die Adaption sowohl von Jugendkulturen als auch (und vor allem) der Netz-Kultur.
Im Folgenden sollen zwei Beispiele illustrieren, wie Kontaktaufnahmen zur Radikalisierungsprävention funktionieren und verlaufen. Die Nutzernamen der angeschriebenen User/innen wurden zu deren Schutz geändert, der Gesprächsverlauf wird aus datenschutzrechtlichen Gründen sinngemäß wiedergegeben. Antworten von Projektprofilen werden, wenn möglich, wörtlich zitiert.

Beispiel 1: Emotionale Besetzung

Die Facebook-Seite »Deutschland gegen Kindesmissbrauch« kann als sogenannte Satellitenseite der NPD betrachtet werden. Dort wird über die emotionale Besetzung des Themas Kindesmissbrauch versucht, Nutzerinnen und Nutzer in die Arme der NPD zu treiben. Auf dieser Seite sind wir auf den Kommentar einer Nutzerin aus unserer Zielgruppe gestoßen. Die Nutzerin, nennen wir sie Tamara, schlug darin vor, Täterinnen und Täter an einen Pranger zu stellen und für vogelfrei zu erklären. Weiter schrieb Tamara, dass alte Gesetze in Bezug auf Vergewaltiger nicht schlecht gewesen seien, womit deutlich wird, dass ihre Forderung nach einem Pranger und der Ruf nach Vogelfreiheit wörtlich zu nehmen sind.
Diesen Kommentar zum Anlass nehmend sahen wir uns Tamaras Facebook-Profil an, um uns ein besseres Bild von ihr machen zu können. Tamaras Profil erweckte keinen rechtsextremen Eindruck, allerdings folgte sie einer NPD-Satellitenseite und schrieb dort sogar aktiv Kommentare. Aus Gründen der Prävention erschien es uns deshalb sinnvoll, Kontakt mit ihr aufzunehmen und über die Verstrickungen der Seite aufzuklären. Für die Ansprache wählten wir ein Projekt-Profil, welches sich als Mitarbeiterin des Projekts zu erkennen gab, um so mit pädagogischer Kompetenz auftreten zu können, die auch von der Zielgruppe als solche erkannt und anerkannt wird.

»Hallo Tamara, ich habe gesehen, dass du auf der fb-Seite »Deutschland gegen Kindesmissbrauch« kommentiert hast. Ich wollte dich auf diesem Weg darauf hinweisen, dass die Seite »Deutschland gegen Kindesmissbrauch « eine Seite von der NPD ist, die bekanntlich für eine rassistische und schwulen-/ lesbenfeindliche Ideologie steht. Wenn du mehr Infos zu der Seite und den Verbindungen zur NPD benötigst: http://netz-gegen-nazis.de/artikel/neonazis-gegen-kindesmissbrauch-20-8054
Ich würde mich freuen von dir zu hören.
Liebe Grüße, Sina von no-nazi.net«

Tamara antwortete, dass das »super« klänge und sie bei der Seite geblieben sei, weil sie keine Alternativen gefunden habe. Sie sei patriotisch und möge Deutschland, weshalb sie sich nicht an der Ausrichtung der Seite gestört habe. Tamara erklärte weiter, dass sie dann irgendwann auf Kommentare gestoßen sei, die sie als rechtsextrem eingeordnet habe. Diese Kommentare, so Tamara, seien von den Seitenadministratoren nicht gelöscht worden. Ebenso wenig sei von anderen Nutzer/innen dagegen argumentiert worden.
Schließlich sagte Tamara, dass sie unsere »Guerilla-Technik« schätzte und sich wünschte, dass wir mehr Menschen auf diese Art kontaktierten, damit diese sähen, dass es Alternativen gebe.
Das Gespräch macht deutlich, dass Tamara bewusst war, dass es sich um eine NPD-Seite handelte, jedoch keine thematische Alternative gefunden hatte. Es wird auch deutlich, dass Tamara patriotische Gedanken hat, jedoch über kein extrem rechtes Weltbild verfügt. Wir haben ihr daraufhin eine seriöse Kinderschutz-Seite empfohlen. Das Ergebis: Tamara unterstützt die Seite der NPD nicht mehr. Zudem haben wir die Nutzerin noch einmal darauf hingewiesen, was ein Like bei einer NPD-Seite bei Facebook bedeutet:

»Hej, in unserem Projekt freuen wir uns darüber, wenn wir mit Menschen über eigene Erfahrungen sprechen können. Du hast in deiner Antwort geschrieben, dass dir die Gesinnung der Menschen bewusst war. Findest du es nicht doof, wenn du damit Leute unterstützt, deren politische Meinung du nicht teilst? Über eine Antwort würde ich mich freuen, LG Sina«

Tamara antwortete, dass sie gar nicht wissen wolle, wen sie alles unterstütze, von dem sie keine Ahnung habe. Als Beispiele führte sie an, dass sie Wasser von Nestlé trinke und bei McDonalds esse. Sie sagte, dass sie damit wohl leben müsse, politisch würde sie diese Organisationen aber nicht unterstützen.

Wir beendeten das Thema mit einer abschließenden Nachricht an Tamara:

»Aber du unterstützt sie ja auch politisch, wenn du auf ihrer Seite »gefällt mir« drückst. Du billigst damit die rassistischen und menschenverachtenden Einträge, die dort reingestellt werden. Und meiner Meinung nach gibt es auch einen Unterschied zwischen Firmen wie McDonalds und Nestlé und einer Neonazi-Partei, deren Anhänger/innen ihre Ideologie mit Gewalt durchsetzen wollen.«

Beispiel 2: Vereinnahmung

Im Sommer 2013 startete die erste Hetzseite gegen Flüchtlinge auf Facebook. Zum Winter 2013 zählte no-nazi.net über 50 lokal aktiver Hetzseiten gegen Flüchtlinge und geplante oder bestehende Flüchtlingsunterkünfte. Im Sommer 2014 wurden über 65 solcher Facebook-Seiten gezählt. Diese Seiten ähneln sich entweder vom Slogan (»Nein zum Heim«, »XY wehrt sich«) oder vom Logo her. Meist sind hier Lokalpolitiker der NPD aktiv und versuchen, unter dem Deckmantel der besorgten Bürgerschaft eine angeblich demokratische Legitimität der rassistischen Hetze zu simulieren. Die Facebook-Seiten dienen der Organisation von Protesten – nicht selten folgen darauf deutschlandweite Schlagzeilen und entsprechende Gegendemonstrationen.
Auch die offene Facebook-Gruppe »Schneeberg wehrt sich« gehört zu diesen Hetzseiten. In der Gruppe stoßen wir bei Recherchen auf den Kommentar eines Nutzers, nennen wir ihn Toby, über das Verhalten der Gegendemonstrant/innen beim Schneeberger Lichtellauf. Die Lichtelläufe sind Demonstrationen gegen das Flüchtlingsheim in der sächsischen Stadt, die von der extremen Rechten organisiert, aber auch und von zahlreichen Bürger/innen vor Ort unterstützt wurden.
Toby kommentierte, dass er es erschreckend finde, was sich auf der letzten Demonstration in Schneeberg zugetragen habe. Vor allem die Gegenproteste, die er unter der Antifa subsummiert, sorgten bei ihm dafür, dass er sich schäme, so Toby, auch weil er sich selber als Punk und links verstehe. Er schrieb weiter, dass er es schade fände, dass man gleich als Nazi beschimpft würde, wenn man als Deutscher seine Meinung äußere. Toby erklärte zudem, er finde die Taten seiner Vorfahren grausam und brutal, doch die Führer des Faschismus seien schon lange tot und »wir« würden keine Schuld mehr tragen. Toby bezeichnete es als empörend, dass man sich als Nazi und Faschist bezeichnen lassen müsse, obwohl man ja friedlich demonstriert habe und auch ältere Menschen, Kinder und Eltern mit Babys teilgenommen hätten. Kaum mache man den Mund auf, werde man abgestempelt.
Toby fand mit diesem Eintrag auf der Gruppen-Seite großen Zuspruch. Über 70 Personen likten seinen Beitrag, viele kommentierten zustimmend. Unter den Applaudierenden fand sich auch eine Person, nennen wir sie Sebastian, die Toby nicht nur Respekt für sein Posting aussprach, sondern ihn auch gleich in eine Gruppe einlud. Diese Einladung erfolgte nicht öffentlich. Vielmehr erfuhren wir davon, als wir uns Tobys Profil anschauten und dabei auf eine Gruppe stießen, die wir nach einer Begutachtung als rechtsextrem einstuften. Da diese Gruppe offen war, konnten wir auch die dort geposteten Beiträge lesen und fanden einen Eintrag von Sebastian, der Toby in der Schneeberg-Gruppe beigepflichtet hatte.
Sebastian begrüßte alle Gruppenmitglieder, aber ganz besonders das neue Mitglied Toby. Weiter schrieb er (Rechtschreibung wie im Original):

»Wie die Meisten hier wissen postete er in ›Schneeberg wehrt sich‹ einen Beitrag in dem er die Antifanten m.E. scharf kritisierte, da er für meine Begriffe Mitte Links steht. Ich hoffe dir gefällt unsere kleine Gruppe hier und wirft dir nicht all zu derb in deine Einstellung Steine verbal entgegen. Sollte dir hier etwas unklar oder zu krass erscheinen, habe keine Scheu und melde dich zu Wort.«

Toby antwortete darunter, dass er sich geehrt fühle, mit seinem Beitrag so viel Aufsehen erregt zu haben. Wir kontaktierten Toby nun, denn eine Intervention zur Radikalisierungsprävention erschien notwendig, um den Anwerbungsversuch seitens Rechtsextremer zu unterbinden.
Wieder wählten wir zur Kontaktaufnahme ein Projekt-Profil, welches sich als Mitarbeiterin des Projekts zu erkennen gab:

»Hey, ich hab gerade deine Nachricht gesehen, bei der Schneeberg wehrt sich Gruppe. Ich hab da mal ein paar Nachfragen oder wollte dich eher auf Sachen hinweisen. Hast du ein Problem mit Faschos?«

Toby bejahte dies. Er nahm das Gesprächsangebot an und wir konnten die Unterhaltung fortsetzen:

»Okey, das ist ja erstmal ne koole Aussage. Und die NPD? Hast du auch nen Problem damit?«

Toby antwortete, dass es darauf ankäme.

»Worauf, wenn ich fragen darf? Also du postest halt Sachen auf der NPD-Seite und so und unterstützt die ja schon damit.«

Toby erwiderte, dass er mit seinem Beitrag lediglich klarstellen wollte, dass er nur auf der Demonstration war, um sich zu informieren und dass ihm die Aktion der Antifa bei den Gegenprotesten missfallen hätte.

»Ok, du hast ein Problem mit der Aktion der Antifa, das ist ja auch erstmal nicht schlimm. Aber du merkst doch selber, dass du da voll Unterstützung findest bei den Leuten, die da unter deinem Kommentar was geschrieben haben. Gerade der Kommentar mit dem Zitat von Turnvater Jahn. Das ist super die Nazi-Rhetorik, die da an den Tag gelegt wird. Die freuen sich doch alle, das so ein junger Typ sich aufregt und hoffen, dass du die Ideologie von denen annimmst …«

Es entwickelte sich ein längeres Gespräch, in dem verschiedene politische Themen angesprochen wurden. Toby äußerte sich über das Verhalten von »Ausländern«. Es entstand der Eindruck, dass er anfällig für rassistische Argumentationen ist, jedoch kein geschlossen rechtsextremes Weltbild besitzt. Der erste Eindruck von Toby und seinem Facebook-Profil war somit richtig. Toby schien sich vielmehr selbst als »Punk« zu identifizieren – er beschrieb sich auch als »mitte links«. Gleichzeitig betonte er, dass er nichts gegen »Ausländer« habe, solange sie ihn in Ruhe lassen würden. Er deutete Gewalterfahrungen mit »Türken« an, die ihm auf Grund seines »Deutsch-Seins« widerfahren seien. Toby schrieb weiter, dass er deren feindselige Haltung gegenüber Deutschen nicht verstehe, würden »die Türken« doch »unser« Essen essen. Diese Ausführung kulminierte in der Aussage, dass sie ja gehen könnten, wenn es ihnen hier nicht passen würde.

Unsere Antwort: »Naja, aber wohin sollen sie denn gehen? Die kennen die Türkei ja meistens nur aus Urlaubsbesuchen.«

Toby antwortete, dass sie dann dahin gehen sollten, wo es ihrer Meinung nach besser sei als in Deutschland.
Diese kleine Episode offenbart den Trugschluss, dem Toby aufgesessen ist: Da er sich selbst als Punk und »mitte-links« verstand, konnten seine Aussagen für ihn nicht als rechtsextrem gelten. Daher fehlte ihm auch das Verständnis für den problematischen Gehalt seiner Meinungen – sowohl derer im Chat mit uns als auch seines Statements in der Schneeberg-Gruppe. Er argumentierte spontan aus dem Bauch heraus. Der weitere Gesprächsverlauf zeigte, dass ihm ebenso auch das Verständnis für die Auswirkungen neonazistischer Hetze und rassistischer Facebook-Gruppen fehlte:

no-nazi.net-Profil: »Warum bist du denn in der Gruppe »Schneeberg wehrt sich«? Also wogegen wehrst du dich denn?«

Toby reagierte defensiv und schrieb, dass es nur eine »verschissene« Gruppe sei, in der er sich geäußert habe. Wir fragten zurück: »Wie meinst du verschissen?« Toby antwortete, dass ihn die Gruppe nicht »bocke«. no-nazi.net: »Warum bist du dann Mitglied? Also das ist ja nicht irgendeine Gruppe, sondern von der NPD.« Toby wiegelte ab und sagte, dass wir uns da zu sehr reinsteigern würden. Wir fragten weiter: »Liest du da eigentlich mit und weißt, was da so abgeht?« Er erwiderte, dass er in der Gruppe nur seine Postings gelesen habe und der Rest ihn nicht »bocke«.
Toby bekam durch uns offenbar zum ersten Mal eine kritische Reaktion zu seinem Beitrag in der »Schneeberg wehrt sich«-Gruppe. Die dortige Zustimmung hatte ihm wohl gefallen, als er sich durch uns aber konkreter mit den postulierten Inhalten auseinandersetzen musste, reagierte er defensiv, wiegelte ab und versuchte, das Geschehene kleinzureden. Ihm schien langsam klar zu werden, was er in der Schneeberg-Gruppe wirklich getan und vor allem wem er da zugestimmt hatte.
Der Chat ging weiter und Toby stellte die rhetorische Frage, was ihn eigentlich das Flüchtlingsheim in Schneeberg oder die Menschen, die dort unterkommen, »bocke«?

no-nazi.net: »Also wenn du nicht gegen Ausländer bist, ist das der falsche Platz. Also da wirst du benutzt.«

Toby verneinte dies: Er werde nicht benutzt. Er lasse sich von niemandem benutzen und erst recht nicht von der NPD. Auch lasse er sich nicht vorschreiben, was er zu tun habe.

no-nazi.net: »Das ist ja sehr gut, dass du dir das nicht vorschreiben lässt, was du so machst. Aber gerade die NPD steht ja dafür Leuten vorzuschreiben, wo sie wohnen sollen, was sie machen und wie sie auszusehen haben.«

Toby antwortete, dass ihm das egal sei. Das ihm das alles egal sei. Er habe seine Meinung geäußert und wer damit nicht klarkomme, der könne ihn mal.

no-nazi.net: »Ich will dich nicht volllabern, aber dieses »mir egal« ist einfach fatal, wenn es um bestimmte Themen geht. Ich schätze, dass du bestimmte Werte und Vorstellungen von einer Gesellschaft hast, die eigentlich ziemlich cool sind. Aber wenn du weiterhin ignorierst, dass die NPD auf rassistische Art und Weise gegen Flüchtlinge hetzt, ist das einfach nur gefährlich. Auch diese andere Gruppe. Du bist da einfach Mitglied und das ist einfach krass, was da so gepostet wird.«

Das Gespräch verlief daraufhin im Sande – Chats können schnell abbrechen. Dennoch haben wir einen wichtigen Punkt erreicht. Toby hat durch Aussagen und sein Profil ein bestimmtes Bild von sich gezeichnet. Es ist das Bild, das er gerne von sich präsentieren möchte, denn Soziale Netzwerke sind Orte der Identitätsarbeit. Gleichzeitig konnten wir aber aus den vorhandenen Informationen auch seine Bedürfnisse herauslesen. Toby geht es um Anerkennung und Unabhängigkeit. Und Anerkennung bekam er auch, als er seinen Beitrag in der Gruppe »Schneeberg wehrt sich« schrieb. Noch mehr Anerkennung war es für Toby, als er dann von Sebastian in die rechtsextreme Gruppe eingeladen wurde. Ob bewusst oder nicht wurde damit eines seiner Bedürfnisse bedient.
Daher war es wichtig, ihm klarzumachen, dass seine Bedürfnisse in den beiden Gruppen instrumentalisiert wurden, ihm dann selbst anerkennend zuzusprechen und schließlich an sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit zu appellieren.
Zwei Monate später schrieben wir Toby noch einmal an. Wir beobachten regelmäßig die Profile derer, mit denen wir in Kontakt standen, und hatten dabei bemerkt, dass er nicht mehr Mitglied in der rechtsextremen Gruppe ist, in die Sebastian ihn eingeladen hatte. Wir sprachen ihn darauf an. Es schien als ob ihm bewusst wurde, dass diese Gruppe »zu rechts« für seine Weltanschauung war. no-nazi.net:

»Hm, in der Gruppe … bist du ja nicht mehr drin, warst du aber mal, oder?« Toby antwortete, dass er glaube, da mal drin gewesen zu sein.

Wir fragten, warum er nun nicht mehr in dieser Gruppe sei. Toby antwortete, dass ihm die Dinge, die dort angesprochen wurden, »zu rechts« gewesen seien. Unsere Intervention ist also geglückt.

Web 2.0-affine Online-Dossiers, informative Webvideos, schnell erfassbare Erklärgrafiken oder ausführliche Broschüren: Im Rahmen von no-nazi.net werden verschiedene Materialien erprobt, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen. Dabei haben sich folgende Maßnahmen als besonders wirkungsvoll erwiesen:

ONLINE
Erklärgrafiken machen Erscheinungsformen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Rechtspopulismus oder Antisemitismus, aber auch Phänomene der rechtsextremen Szene auf einen Blick erfassbar.

Über unsere Kanäle in den Sozialen Netzwerken gepostet haben sie sich zu den am meisten geteilten Inhalten entwickelt. Die Grafiken sind immer eingebettet in ein entsprechendes Online- Dossier, welches das entsprechende Thema vertieft und in den Internet-Kontext einbettet. Ein weiteres erfolgreiches Mittel, um vor allem eine junge Zielgruppe zu erreichen, sind Webvideos, die im Projekt selbst produziert werden.
Ebenso haben sich so genannte Bullshit-Bingos, in denen rassistische, rechtsextreme oder menschenverachtende Parolen auf ironische Weise verarbeitet werden, als sehr erfolgreich erwiesen. Wichtig dabei ist, dass die Hetzaussagen nicht unkommentiert stehen gelassen werden, sondern mit Links zu den entsprechenden no-nazi.net-Dossiers sowie Gegenargumenten verlinkt sind. Quizzes, Blogbeiträge in unterschiedlichster Form sowie Umfragen ergänzen das umfangreiche Online-Angebot von no-nazi.net.

OFFLINE
Neben den Online-Materialien werden im Projekt regelmäßig Broschüren und Flyer produziert, die die neuesten Erkenntnisse und Tipps für den Umgang mit »Hate Speech« im Internet vermitteln. Wie stark solche Informationen nachgefragt werden, hat nicht zuletzt die Broschüre »Liken. Teilen. Hetzen. Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken« belegt: Die erste Auflage von 5.000 Exemplaren war innerhalb von drei Wochen bereits vergriffen.

informieren, nachprüfen
und durchblicken

kritisch, fundiert und
respektvoll diskutieren