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Journalistischer Umgang mit Verschwörungsideologien

by debate dehate

Journalistischer Umgang mit Verschwörungsideologien
Der Umgang mit der Absurdität

Dir sollte man die Hände abhacken«, »Mietschreiber«, »Diener des Bösen«, »Dreckiger Faschist« – nur einige der Beschimpfungen, die nach jedem Artikel, den ich über Verschwörungstheorien aus dem rechten Spektrum rund um die Mahnwachen veröffentliche, über alle Kanäle bei mir ankommen. Vor nicht einmal zwei Jahren waren Verschwörungstheorien noch ein Nischenthema, das zwar hin und wieder auftauchte, aber im Großen und Ganzen vom sogenannten Mainstream belächelt wurde. Damit soll nicht gesagt werden, dass die Inhalte, die damals verbreitet wurden, nicht mindestens genauso problematisch waren, wie sie es heute sind. Trotzdem gab es wenig Öffentlichkeit, die sich – wenn überhaupt – über skurrile und absurde Aspekte amüsierte und Inhaltliches eher ausblendete.

Journalistischer Umgang mit Verschwörungsideologien
Neue Strukturen

Seit März 2014 kanalisieren sich viele dieser Strömungen neu. Zunächst über die »Mahnwachen für den Frieden« und ihre diversen Abspaltungen, später dann über Pegida und ihre unterschiedlichen Franchises. Durch Facebook-Gruppen und Veranstaltungen auf Plätzen in der realen Welt fanden Reichsbürger_innen, Chemtrails-Gläubige, Männerrechtler_innen, Neonazis und Putin-Enthusiast_innen unterschiedlichster Couleur zusammen. Dazu kamen Impfgegner_innen, Reptiloiden-Gläubige, Rassist_innen und LGBTI-Gegner_innen. In all diesen Gruppen existierten Schnittmengen, besonders eint sie aber die große Ablehnung der – wenn nicht gar der Hass auf die – »MainstreamMedien«.
Gerade am Anfang der Mahnwachen-Bewegung bildete sich ein virtueller Mob, der in E-Mails an Redaktionen und in Kommentarspalten auf diese neue Gruppe aufmerksam machte und eine Berichterstattung einforderte. Der schwammige Friedensbegriff dieser Gruppe und die teilweise antisemitische Kapitalismuskritik der Wortführer_innen und Organisator_innen waren für Beobachter_innen sehr schnell offensichtlich. Demzufolge fiel die Berichterstattung (auch meine) tendenziell eher negativ aus.

Journalistischer Umgang mit Verschwörungsideologien
Selbsteinschätzung und Realität

Daraus ergeben sich zwei Probleme: Wer erstmal »aufgewacht« ist und die »Wahrheit™« gefunden hat, scheint davon vollkommen überzeugt zu sein. Zweifel oder Kritik am eigenen Weltbild sind nicht erwünscht. Wer die selbsternannten Systemkritiker _innen kritisiert, ist für das System. Und dann sind da noch die Inhalte … Wer denkt, dass er oder sie dank eines geheimen Regierungsprogramms aus Flugzeugdüsen mit Gift besprüht wird, dass jüdische Bankiersfamilien eine Weltregierung bilden und wir eigentlich von einer geheimen Reptiloidenkaste regiert werden, ist, höflich ausgedrückt, nur bedingt ernst zu nehmen. Das wiederum führt zu Problemen mit der Berichterstattung, da es nur sehr wenig von tatsächlichem Nachrichtenwert zu sagen gibt. Und so entsteht ein Teufelskreis: Medien berichten nicht oder negativ über die Bewegung, die Bewegung sieht sich in ihrem Glauben an Medienhetze und/oder Totschweigen bestätigt und glaubt immer weni- 52 ger von dem, was die »Mainstream-Presse« zu sagen hat. Die eigene Argumentation wird so immer wieder bestätigt. Ein Weltbild, das in den »Lügenpresse«-Sprechchören und der vollständigen Gesprächsverweigerung von Pegida seinen vorläufigen Höhepunkt findet. Umgekehrt führt das alles natürlich auch zu Frustration für den »Berichterstattenden«. Der Besuch dieser Veranstaltungen ist anstrengend. Er wird noch anstrengender, wenn alle Beteiligten sich der gegenseitigen Abneigung bewusst sind. Im Fall der Montagsdemos und ihrer diversen Abspaltungen war schnell klar, wer zu den Demonstranten gehört und wer als Beobachter vor Ort ist. Hier blieb es, abgesehen von Blicken und gelegentlichen verbalen Ausfällen, meist friedlich. Beim geplanten »Sturm auf den Reichstag«, der im Mai 2015 stattfinden sollte und der von Teilen des Montagsmahnwachenspektrums sowie Pegida- und Hogesa-Sympathisanten veranstaltet wurde, sah die Situation bereits anders aus. Mehrere Kollegen und ich wurden aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Getan hat das niemand, trotzdem machte es die Situation nicht unbedingt angenehmer.

Journalistischer Umgang mit Verschwörungsideologien
Das Kreisen um sich selbst

Für Menschen, die an Verschwörungsideologien glauben, bildet sich durch die Ablehnung anderer Medien als ihrer eigenen eine Filterblase. Der Ausweg daraus ist schwierig, da Verschwörungsideolog_innen sich so sehr abschotten, dass sie von außerhalb ihrer Blase nur noch schwer zu erreichen sind. Die Menschen draußen sind in ihren Augen im besten Fall »Schlafschafe«, die nicht erkennen, wie sie von Massenmedien und finsteren Mächten manipuliert werden. Im schlimmsten Fall sind sie Teil des »Systems« und sorgen im Falle von Journalist_innen dafür, dass die »Erwachten« nicht ernst genommen werden und so auch nicht das »Volk« aufwecken können. Und das ist nicht unbedingt abstrakt gemeint: Tatsächlich sind viele Verschwörungsgläubige der Meinung, dass Journalist_innen schreiben, was ihnen aufgetragen wird. Eine freie Presse existiert in ihrer Welt nicht, sondern man stellt sich vor, dass es Themen gibt, über die absichtlich nicht berichtet wird. Genauso wie es eine vorgefertigte Meinung gibt, die Journalist_innen aufgezwungen wird. Da schließt sich wieder der Kreis, denn eine Meinung, die nicht der eigenen Verschwörungsideologie entspricht, muss einfach falsch sein. Und der oder diejenige, die sie vertritt, kann das im Prinzip nicht freiwillig tun, sondern wird von »höheren Mächten« dazu gezwungen.

Stefan Lauer, Redakteur Vice »Hurensohn«

Lesen Sie weiter in der Broschüre „No World Order“ Wie antisemitische Verschwörungsidelogien die Welt verklären

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