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Verschwörungsideologien

by debate dehate

Als Variation von Verschwörungsideologien können Verschwörungsmythen angesehen werden. Sie sind besonders vor dem Hintergrund des Antisemitismus von Bedeutung. Während Verschwörungsideologien reale Gruppen, wie z. B. Geheimdienste, Wirtschaftstreffen oder Freimaurerlogen, die sich auch wirklich im Geheimen/Nicht-Öffentlichen treffen, für alles Schlechte in der Welt verantwortlich machen, beziehen sich Verschwörungsmythen in ihrer Feinddarstellung auf ausgedachte Gruppen. Beispiele hierfür wären der Glaube an eine Verschwörung außerirdischer Reptilienwesen, an den 1784/85 verbotenen Illuminatenorden oder an eine »jüdischen Weltverschwörung« der »Weisen von Zion«. Es kommt bei Verschwörungsmythen weniger auf Beweise einer solchen Verschwörung an, als vielmehr auf den Glauben an diese. Die Grenze zwischen Verschwörungsideologien und Verschwörungsmythen sind fließend und nicht immer klar zu bestimmen. Nachfolgend soll der Einfachheit halber vornehmlich der Begriff Verschwörungsideologie genutzt werden. Eine letzte Sache gilt es noch in der Auseinandersetzung mit Verschwörungsideologien zu klären. Der Begriff problematisiert nicht den kritischen Impuls von Menschen, zu versuchen, die Funktionsweisen der Gesellschaft zu verstehen. Ebenso wenig soll mit ihm jeder ursprüngliche Verdacht, dass eine Verschwörung für ein Ereignis verantwortlich ist, als Ideologie bezeichnet werden. Wesentlich ist, dass eine Verschwörungsideologie sich vor ihrer Kritik verschließt. Wer auch wider besseren Wissens an dem Verdacht festhält, die Weltbevölkerung solle durch Chemie in Kondensstreifen vorsätzlich vergiftet werden, ist ein Verschwörungsideologe oder eine Verschwörungsideologin.

Allgemein wird unter »Verschwörungstheorien« die fantastische Idee verstanden, wonach bestimmte oder alle vergangenen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Ereignisse das Ergebnis einer oder mehrerer Verschwörungen sind. Es wird behauptet, dass eine bestimmte Gruppe wie ein_e Marionettenspieler_in im Hintergrund die Fäden zieht. Der Begriff »Verschwörungstheorie« ist sehr weit verbreitet und wird gemeinhin in negativer Form genutzt: Eine »Verschwörungstheorie« ist demnach eine Spinnerei, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Ganz so einfach ist es jedoch nicht.

In der Broschüre „No World Order“ Wie antisemitische Verschwörungsidelogien die Welt verklären wird zunächst ein Blick auf den Begriff »Verschwörungstheorien« geworfen, um ein erstes Verständnis zu ermöglichen. Der Begriff hat, trotz seiner Verbreitung, einen entscheidenden Nachteil: Er gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist – eine Theorie. Aus wissenschaftlicher Perspektive muss eine Theorie jedoch bestimmte Ansprüche erfüllen: Sie kann nur solange Gültigkeit beanspruchen, bis ihre Grundannahmen als falsch bewiesen worden sind. »Verschwörungstheorien« erfüllen aber genau diese Bedingungen nicht. Ihre Anhänger_innen blenden Beweise aus, die gegen ihre Überzeugungen sprechen, oder behaupten, es handele sich dabei um »Desinformationen«, also Fälschungen im Auftrag der Verschwörer_innen. Hier zeigt sich bereits ein erstes Problem. »Verschwörungstheorien« können von außen nur schwer durch Fakten oder Gegenbeweise widerlegt werden, da ihre Anhänger_innen sich vor ihnen verschließen. Die Idee von einer Verschwörung hat sich bei ihnen zu einer Verschwörungsideologie verfestigt, die sie für Widersprüche und Gegenbeweise unzugänglich macht. Allen Verschwörungsideologien ist gemein, dass sie davon ausgehen, einige Wenige würden im Geheimen mit bösen Absichten die Geschicke der gesamten Menschheit steuern. Der Begriff der Ideologie verweist außerdem darauf, dass es sich bei den Vorstellungen nicht nur um private Spinnereinen oder falsche Wahrnehmungen handelt, vielmehr sind sie ein Ausdruck einer missverstandenen Welt. Vereinfacht bedeutet dies: Es gibt Dinge in dieser Gesellschaft, die ihre Mitglieder daran glauben lässt, eine kleine Gruppe hätte sich gegen die Mehrheit verschworen. Diese Sicht auf die Gesellschaft gilt es zu hinterfragen. Bei Verschwörungsideolog_innen bleibt dies jedoch aus.

Als Variation von Verschwörungsideologien können Verschwörungsmythen angesehen werden. Sie sind besonders vor dem Hintergrund des Antisemitismus von Bedeutung. Während Verschwörungsideologien reale Gruppen, wie z. B. Geheimdienste, Wirtschaftstreffen oder Freimaurerlogen, die sich auch wirklich im Geheimen/Nicht-Öffentlichen treffen, für alles Schlechte in der Welt verantwortlich machen, beziehen sich Verschwörungsmythen in ihrer Feinddarstellung auf ausgedachte Gruppen. Beispiele hierfür wären der Glaube an eine Verschwörung außerirdischer Reptilienwesen, an den 1784/85 verbotenen Illuminatenorden oder an eine »jüdischen Weltverschwörung« der »Weisen von Zion«. Es kommt bei Verschwörungsmythen weniger auf Beweise einer solchen Verschwörung an, als vielmehr auf den Glauben an diese. Die Grenze zwischen Verschwörungsideologien und Verschwörungsmythen sind fließend und nicht immer klar zu bestimmen. Nachfolgend soll 16 der Einfachheit halber vornehmlich der Begriff Verschwörungsideologie genutzt werden. Eine letzte Sache gilt es noch in der Auseinandersetzung mit Verschwörungsideologien zu klären. Der Begriff problematisiert nicht den kritischen Impuls von Menschen, zu versuchen, die Funktionsweisen der Gesellschaft zu verstehen. Ebenso wenig soll mit ihm jeder ursprüngliche Verdacht, dass eine Verschwörung für ein Ereignis verantwortlich ist, als Ideologie bezeichnet werden. Wesentlich ist, dass eine Verschwörungsideologie sich vor ihrer Kritik verschließt. Wer auch wider besseren Wissens an dem Verdacht festhält, die Weltbevölkerung solle durch Chemie in Kondensstreifen vorsätzlich vergiftet werden, ist ein Verschwörungsideologe oder eine Verschwörungsideologin.

»Die sind doch alle verrückt.« Dies wäre eine einfache Antwort auf die Frage, warum Menschen Verschwörungsideologien anhängen. Die Darstellung aller Anhänger_innen als psychisch krank blendet jedoch bestimmte Aspekte aus, die innerhalb dieser Gesellschaft Verschwörungsideologien hervorbringen können. Es gibt also zwei Ebenen, die aus wissenschaftlicher Perspektive1 als Ursachen für den Glauben an Verschwörungsideologien benannt werden: gesellschaftliche und individuelle.

Individuelle Ursachen

Nicht alle Menschen sind anfällig für den Glauben an Verschwörungsideologien. Als individuelle Ursache für den Glauben an eine Verschwörungsideologie wird eine Verschwörungsmentalität als Teil der psychischen Strukturen bestimmter Menschen angenommen. Sie entsteht, wenn Kinder von ihren Eltern besonders autoritär erzogen werden. Anschließend neigen sie nicht nur eher dazu, Feindseligkeit gegen Andere und Schwächere zu entwickeln, sondern auch an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben. Eine solche Auffassung kann auch Resultat einer religiösen oder esoterischen Erziehung sein. Dieser Glaube an das Böse macht sie anfällig dafür, Verschwörungsideologien zu folgen, denn Verschwörungsideologien folgen der Einteilung der Welt in Gut und Böse. Bestimmte Menschen glauben also aufgrund ihrer ausgeprägten Verschwörungsmentalität an Verschwörungsideologien, und nicht, weil diese besonders gute Inhalte hätten oder besonders überzeugend wären. Menschen mit einer Verschwörungsmentalität müssen nicht jederzeit offen Verschwörungsideologien vertreten. Ihre Anfälligkeit für dieses Denken kann sich auch verdeckt in einzelnen Einstellungen äußern.

Gesellschaftliche Ursachen

Die gesellschaftlichen Ursachen für den Glauben an Verschwörungsideologien lassen sich in allgemeine gesellschaftliche und politische Ursachen unterteilen. Verschwörungsideologien haben zu bestimmten Zeiten Konjunktur. Große gesellschaftliche Veränderungen begünstigen die Verbreitung von »Verschwörungstheorien« in der Bevölkerung. So wur- de bereits die Französische Revolution (1789) von ihren Gegnern als Verschwörung von »den Juden«, Freimaurern und Sozialisten bezeichnet. Auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) oder den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA blühten die Verschwörungsideologien auf. Als gewaltiger gesellschaftlicher Umbruch muss auch die Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems gewertet werden, das durch seine ungeheure Dynamik und Wandelbarkeit eine stetige Veränderung im Leben der Menschen erzeugt. Dies gilt besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den damit verbundenen Veränderungen für die ehemaligen realsozialistischen Gesellschaften. Große gesellschaftliche Umbrüche haben weitreichende Folgen für die Individuen. Es kommt zu Verunsicherungen des eigenen Denkens und zu Abstiegsängsten. Die gewohnte Art, dem Weltgeschehen einen Sinn zuzuordnen, wird erschüttert.

Agitator_innen und falsche Prophet_innen

Die bloße Existenz von individueller Verschwörungsmentalität und gesellschaftlichen Umbruchs prozessen reichen jedoch nicht aus, damit Verschwörungsideologien sich verbreiten. Letztlich bedarf es Menschen, die mit ihrer Agitation diese Aufgabe übernehmen. Dazu können sie beispielsweise Reden halten, Bücher schreiben, Beiträge in sozialen Netzwerken veröffentlichen, oder gleich eigene Medien mit Zeitschriften, Fernseh- und Radiosendern gründen. Grundsätzlich geht es darum, einer breiten Öffentlichkeit die eigenen Verschwörungsideologien zu präsentieren, darin bestimmte Gefühle und Beschwerden der Bevölkerung aufzugreifen und zu ordnen, um schließlich die eigene Gefolgschaft zu bestimmten Handlungen zu motivieren. Das Internet hat hierbei einen wichtigen Beitrag geleistet.
Diese Missstände und emotionalen Hintergründe sind jedoch nicht nur in der Einbildung von Verschwörungsideolog_innen vorhanden. Sie sind der Ausdruck eines großen sozialen Unbehagens, das die Gesellschaft durch ihren Aufbau in den Menschen hervorbringt. Von daher ist die Annahme zu einfach, bei Verschwörungsideolog_innen handele es sich ausschließlich um Wahnsinnige. Verschwörungsideologien stellen eine Möglichkeit dar, Halt in einer sich stetig verändernden Welt zu finden.

In der Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass Verschwörungsideologien vier Funk- tionen erfüllen. Diese umfassen die Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion, die Identitätsfunktion, die Manipulationsfunktion sowie die Legitimationsfunktion. Die beiden letzten zeigen sich besonders in der Arbeit verschwörungsideologischer Agitator_innen.

Die Zusammenhänge der Gesellschaft sind vielschichtig und unübersichtlich. Vieles vollzieht sich hinter dem Rücken der Menschen, die Zusammenhänge von verschiedenen menschlichen Handlungen sind nur schwer zu begreifen. Verschwörungsideologien bieten ganz allgemein die Möglichkeit, gesellschaftliche und historische Ereignisse sinnvoll zu ordnen. Dies haben sie mit der Esoterik und Religionen gemein; vor allem dann, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, warum guten Menschen Schlechtes widerfährt. Verschwörungsideologien vereinfachen jedoch die gesellschaftlichen Zusammenhänge in unzureichender Weise, wenn in ihnen bestimmte Feind_innen ausschließlich für das Leid in der Welt verantwortlich gemacht werden. Dabei folgen Verschwörungsideologien einer überlegenen Logik. Sie können auch zwischen nicht-zusammenhängenden oder widersprüchlichen Ereignissen Verbindungen herstellen, wie etwa zwischen persönlichem Unwohlsein und Kondensstreifen von Flugzeugen im Verschwörungsideologem der »Chemtrails«. Für Verschwörungsideolog_innen ist die Welt nicht kompliziert, sie scheint nur so zu sein. Viele glauben, auch weiterhin im Feudalismus zu leben. Hier scheinen sich Wunschvorstellungen und starke Vereinfachungen zu vermischen. Der Feudalismus war eine Gesellschaftsform, in der Herrschaft direkt nachvollzogen werden konnte: Der Lehnsherr befiehlt, die Lehnsnehmer gehorchen, die untersten Bevölkerungs- teile haben wenig bis keine Mitsprache. Die bürgerliche Gesellschaft ist jedoch viel komplexer. Herrschaft wird in ihr durch komplexe Prozesse ausgeübt, die aus dem unterschiedlichen Handeln einzelner Personen und Gruppen hervorgehen. Sie ist also nicht unmittelbar sichtbar wie im Feudalismus, sondern nur mittelbar erlebbar.
In der Vorstellung einer einzigen großen Weltverschwörung befähigt die Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion ihre Anhänger_innen, alle geschichtlichen und gesellschaftlichen Ereignisse zu ordnen; sie wird zur Welterklärung.

B. Identitätsfunktion – Wir gegen die Anderen

Die Identitätsfunktion von Verschwörungsideologien bedient ein wichtiges Bedürfnis der Menschen in der Moderne nach Gemeinschaft. Gefühlen der Vereinzelung und Unbestimmtheit setzen Verschwörungsideologien klare Gruppen entgegen. Sie bieten ihren Anhänger_innen ein konkretes Bild von ihren Feind_innen und sich selbst. Die Beschreibungen der eigenen und der gegnerischen Gruppe sind verbunden mit einem dualistischen, also simplen schwarz-weißen Weltbild. Verschwörungsideolog_innen benennen allgemein ihre Feind_innen als »Böse«, womit sie gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass sie zu den »Guten« gehören. Die Einteilung und Beschreibung beider Gruppen wird gleichzeitig vorgenommen. Dies geschieht auch dann, wenn scheinbar nur über die Feind_innen eine Aussage getroffen wird. In diesem Fall wird das Eigene als deren Gegenteil vorausgesetzt. In der nachfolgenden Tabelle sind einige allgemeine Eigenschaften der beiden Gruppen in Verschwörungsideologien abgebildet, die sich aus dem dualistischen Weltbild ableiten lassen.
Eine weitere Trennlinie ziehen Verschwörungsideolog_innen zwischen sich und den anderen Betrogenen. Verschwörungsideolog_innen verfügen über das Wissen um die vermeintliche Verschwörung. Dies macht sie zu »Wissenden« oder »Erwachten« und damit innerhalb der Mehrheit der Betrogenen zur Elite. Für die Unwissenden werden häufig Bezeichnungen genutzt, die auf ihre Unwissenheit und Folgsamkeit hinweisen, wie etwa »Schlafende« oder »Schafe«. Gleichzeitig wird mit dieser Unterscheidung auch die Aufgabe formuliert, die »Schlafenden« zu wecken und von der Verschwörungsideologie zu unterrichten. Hierin sehen Verschwörungsideolog_innen einen wichtigen Beitrag in der Bekämpfung der eingebildeten Verschwörung.

Feindbilder: Die Anderen sind die Bösen

Die Feindbilder von Verschwörungsideologien bestehen aus einem Sammelsurium an sozialen, politischen oder moralischen Zuschreibungen. Die Feind_innen werden als 20 »Agenten des Bösen«2 beschrieben, als Handlanger des Teufels oder des Bösen an sich. Aus der Perspektive der Verschwörungsideolog_innen ist deren hauptsächliche Handlungsmotivation, die Gruppe der Verschwörungsideolog_innen zu beseitigen. Besonders heimtückisch dabei: Die Feind_innen sind nicht nur eine Bedrohung von außen, sie sind auch im Innern (des Staates, des Volkes etc.) zu finden.
Um die Feind_innen zu beschreiben, greifen Verschwörungsideolog_innen auf verschiedene Geschichten, Mythen und Figuren zurück, die als Wissen in ihrer Gesellschaft vorhanden sind. Problematisch ist hierbei, dass gerade über die Gruppe der Jüdinnen und Juden viele Mythen und Vorurteile existieren, die in Verschwörungsideologien als Beschreibung der Verschwörer_innen genutzt werden.
Die nachfolgende Übersicht erhebt nicht den Anspruch, eine vollständige Liste von möglichen Feindbeschreibungen in Verschwörungsideologien zu sein. Sie bildet jedoch die häufigsten stereotypen Feindbilder ab.

»Die Heuschrecken«, das Finanzkapital, die Wall Street, die »Bankster« etc.

Hier wird das Bild der faulen und gierigen Finanzeliten nachgezeichnet. Sie allein werden für bestehende wirtschaftliche Missstände verantwortlich gemacht. Dem Feindbild liegt ein Missverständnis des Wirtschaftssystems zugrunde. Es ist bei Verschwörungs_ideologinnen zu finden, die sich selbst als »rechts« oder »links« verstehen. ¦

»Die da oben«, korrupte Politiker_innen, »Volksverräter«

Bei diesem Feindbild verhält es sich ähnlich dem der Finanzeliten. Die Komplexität politischer Systeme wird stark vereinfacht. So werden etwa widersprüchliche Haltungen, Aushandlungsprozesse, Einzelinteressen oder strategische Entscheidungen ausgeblendet. Gleichzeitig verdeutlicht dieses Feindbild auch, wie sich Verschwörungsideolog_innen Politik wünschen. Politiker_innen sollen lediglich einen eingebildeten Volkswillen umsetzen. Wird verhandelt, werden Minderheiten besondere Rechte zugestanden oder Einzelinteressen vertreten, ist dies aus verschwörungsideologischer Perspektive »Verrat« am vermeintlichen Mehrheitswillen des Volkes.

1%, Bilderberger, politökonomische Gruppen

Dieses Feindbild stellt eine Mischung aus den ersten beiden Feindbildern dar. Es wird unterstellt, dass die mächtigsten Personen der Welt nicht nur ihre Machtfülle gemeinsam hätten, sondern einer Gruppe angehörten, in der sie gemeinsam einen großen Plan verfolgen würden.

»Lügenpresse«, »Systemmedien«, »Judenpresse«

In diesen Bildern drückt sich eine undifferenzierte Medienkritik aus. Anstelle einer berechtigten Kritik an bestimmten Artikeln oder Berichterstattungen öffentlich anerkannter Medien werden diese pauschal als Werkzeug der »Verschwörer_innen« verleumdet. Dagegen setzen Verschwörungsideolog_innen vermeintlich »alternative« Medien, die jedoch ausschließlich verschwörungsideologische Inhalte verbreiten. ¦

Die »Juden«, die »jüdische Weltverschwörung«, die Neue Weltordnung (NWO)

Das Feindbild des »Juden« bzw. des Mythos einer »jüdischen Weltverschwörung« ist die Verbindung aller vorherigen.

C. Manipulationsfunktion – Agitation und Propaganda

Menschen nutzen Verschwörungsideologien auch, um ihr Publikum zu beeinflussen. Ein Ziel dieser Manipulation kann es sein, eine verschwörungsideologische Gruppe aus den 22 Agitation gegen das Feindbild »Bilderberger« auf Facebook. Screenshot © Facebook Zusehenden oder Zuhörenden zu bilden. Wie bereits in der Identitätsfunktion vorgestellt, reicht es dazu aus, wenn die beeinflussende Person dem Publikum Sündenböcke für alles Schlechte in der Gesellschaft präsentiert. Hier zeigt sich die Nähe zum Populismus und seiner Unterteilung von »Volk« gegen »Elite«. Gerade durch das Web 2.0 und die sozialen Medien ist es einfacher geworden, andere verschwörungsideologisch aufzuhetzen.

D. Legitimationsfunktion – Rechtfertigung von Taten

Verschwörungsideologien dienen immer auch der Legitimation, also der Rechtfertigung bestimmter Handlungen. Dazu zählen Maßnahmen von Herrschaft, Unterdrückung und im Extremfall auch der Vernichtung bestimmter Menschen. Die Folge ist, dass politischen Gegner_innen in unterschiedlichem Ausmaß Gewalt angetan werden darf, nur weil sie angeblich zu den »Bösen« gehören oder mit ihnen sympathisieren. Besonders gefährlich ist dabei, dass durch die nachgesagte Schrecklichkeit der Verbrechen der »Verschwö- rer_innen« (Massen-, Kindsmord etc.) genauso gewalttätige »Gegenmaßnahmen« der Verschwörungsideolog_innen gerechtfertigt erscheinen.

Schüren von Hass und Gewalt gegen »Verschwörer_innen«

In Verschwörungsideologien werden Feindbilder gezeichnet. Menschen, die persönlich für gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht werden, leben in der Gefahr, dass Verschwörungsideolog_innen sich motiviert sehen, Gewalt gegen sie auszuüben. Bei einer nichtexistierenden Gruppe, wie den Illuminaten, mag dies weniger das Problem sein. Allerdings arbeiten Verschwörungsideolog_innen stets mit großem Einsatz daran, die geheimen Mitglieder zu identifizieren. Wenn dann pauschal Jüdinnen und Juden oder Banker_innen als Mitglieder der Verschwörung identifiziert werden, der anonymen Verschwörung also konkrete Personen zugeordnet werden, droht diesen Menschen verschwörungsideologisch motivierte Gewalt.

Antidemokratische Parallelwelt

Verschwörungsideologien isolieren ihre Anhänger_innen auf Dauer vom Rest der Gesellschaft . Die Gefahr liegt darin, dass sich die Menschen mit dieser Ideologie eine widerspruchsfreie Welt konstruieren, in der alles nach einem einfachen Schema eingeordnet werden kann. Dieser Prozess untergräbt jedoch demokratische Willensbildungsprozesse. In Demokratien ist Politik ein Aushandlungsprozess zwischen Individuen und Gruppen mit komplexen Interessenlagen. Durch die Vorstellung, die Welt ließe sich in Gut und Böse einteilen, scheinen politische Entscheidungen ebenfalls diesem Schema zu entsprechen. In Kombination mit der Selbstwahrnehmung als Vertreter_innen der Mehrheit der Bevölkerung reduzieren Verschwörungsideolog_innen Demokratie auf die Vorstellung der autoritären Umsetzung des Mehrheits- oder gar des »Volkswillens«. Zum einen haben Minderheiten in diesem antidemokratischen Politikverständnis keinen Platz, zum anderen darf darin auch keine Opposition existieren. Die Sehnsucht nach einer konflikt- und widerspruchsfreien Gemeinschaft zeigte sich etwa bei der Bewegung der »Mahnwachen für den Frieden« der Jahre 2014/15, die bundesweit von dem Verschwörungsideologen Lars Mährholz ins Leben gerufen wurden. Auf den einzelnen Treffen, die zumeist am Montagabend stattfanden, vereinten sich Menschen mit sehr unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Positionen. Anstatt sich dieser Widersprüche jedoch bewusst zu werden und auf äußere Kritik an eben jenen inhaltlich zu reagieren, schlossen sich Teilnehmende unter dem Dach einer diffusen Verschwörungsideologie zusammen, die den Feind vornehmlich in den USA, dem US-amerikanischen Notenbanksystem, dem Geldsystem und der Wall Street verortet. Ein weiteres Beispiel für den Versuch der Bildung einer widerspruchsfreien Gemeinschaft zeigt sich bei Menschen, die glauben, in einem Deutschen Reich anstelle der Bundesrepublik Deutschland zu leben. Diese Menschen bezeichnen sich selbst teilweise als »Reichsbürger«, bei ihnen handelt es sich jedoch um rechtsextreme Verschwörungs_ideologinnen, die der Überzeugung sind, die Bundesrepublik Deutschland sei Teil einer »antideutschen« Weltverschwörung. Egal ob es sich bei den Fantasiestaaten um Königreiche, Freie Republiken oder historische Deutsche Reiche handelt: Widersprüche sind unerwünscht. Eher kommt es zu Putschversuchen, Austrit- ten und Spaltungen, als dass eine andere Meinung als die der Führung geduldet wird. Konsequenterweise gibt es in diesen »Staaten« keine Parteien.

Nationalistisches Selbstbild

Mit der Gefahr der Entwicklung einer antidemokratischen Parallelwelt steht auch die der Herausbildung eines nationalistischen Selbstbildes in Verbindung. In Deutschland lässt sich beobachten, dass Verschwörungsideolog_innen einen besonders starken Bezug auf die Ideen von Wahrheit und einem »deutschen Volk« nehmen. Nicht nur die Bezeichnung von Politiker_innen als »Volksverräter«, der Medien als »Lügenpresse« und die Neuinterpretation der Parole »Wir sind das Volk« weisen auf diesen Umstand hin. Die Zugehörigkeit zum »deutschen Volk« scheint für viele ein wichtiger Stützpfeiler zu sein, auf dem die eigene Identität errichtet wird. Das nationalistische Selbstbild bietet Anknüpfungspunkte an rechtsextreme und andere menschenfeindliche Ideologien. Auch innerhalb des Rechtsextremismus spielen Verschwörungsideologien eine wichtige Rolle. Der Mythos einer »jüdischen Weltverschwörung« wird hier seit Jahrzehnten gepflegt.
Für Deutsche bietet das nationalistische Selbstbild im Kontext von Verschwörungsideologien einen besonderen Vorteil. Wenn man etwa glaubt, dass die US-amerikanische Notenbank »seit über 100 Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht«3, wie es Lars Mährholz verkündete, dann wird die Schuld der Deutschen am Holocaust und den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts relativiert. Wie auch immer diese Verbrechen in eine verschwörungsideologische Erzählung eingeordnet werden, ist dabei unerheblich. Ob die Deutschen nun von einer kleinen Gruppe gezwungen, verführt oder getäuscht wurden, stets werden auf diese Weise deutsche Täter_innen zu Opfern einer Weltverschwörung umdeklariert. Wenn diese zusätzlich als »jüdische« vorgestellt wird, sind in der Erzählung nicht nur die Täter_innen Opfer, sondern die Opfer die »wahren« Täter_innen. Dieses Gemisch aus nationalistischem Selbstbild, Täter_innen-Opfer-Umkehrung und »jüdischer Weltverschwörung« stellt eine Grundlage für die in Deutschland verbotene Leugnung des Holocausts dar.

1. Die nachfolgenden Ursachen- und Funktionsbeschreibungen basieren maßgeblich auf Pfahl-Traughber, Armin: »Bausteine« einer Theorie über »Verschwörungstheorien«. Definitionen, Erscheinungsformen, Funktionen und Ursachen, in: Reinalter, Helmut (Hrsg.): Verschwörungstheorien. Theorie, Geschichte, Wirkung, Innsbruck 2002, S. 30–44; sowie Imhoff, Roland/Decker, Oliver: Verschwörungsmentalität als Weltbild, in: Brähler, Elmar/Decker, Oliver/Kiess, Johannes (Hrsg.): Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose, Gießen, Lahn 2013, S. 146–161.

2. Vergl. Wippermann, Wolfgang: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute, Berlin-Brandenburg 2007.

3. Interview von The Voice of Russia Berlin mit Lars Mährholz aus dem Jahr 2014. Online unter http://bit.ly/Maehrholz-FED, zuletzt abgerufen 31. Juli 2015.

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